In diesem Blog geht es ausschließlich um Literatur oder, einfacher gesagt, um Bücher. Ihr findet hier Buchempfehlungen, meine Rezensionen zu Büchern und e-Books, die ich gelesen habe, und Hinweise auf Downloads von e-Books. Da ein Blog durch Kommentare am Leben gehalten wird, würde ich mich sehr freuen, wenn Ihr diese Funktion fleißig nutzt.

Mittwoch, 24. Mai 2017

"Das geheimnisvolle Leben der Pilze" Robert Hofrichter

Der Autor schreibt über Pilze mit einer Begeisterung, die ansteckend ist. Von einem unbekannten Kosmos ist die Rede, von verschlagenen Betrügern, hilfreichen Netzwerkern und berauschenden Verwandlungskünstlern. Gemeint sind in jedem Fall Pilze und dazu gehören viel mehr Formen und Varianten als jene, die wir im Körbchen aus dem Wald nach Hause tragen, oder auch dort stehenlassen. Pilze kommen nahezu überall auf der Welt vor, sogar im Meer und im Süßwasser. Sie reisen in ferne Länder und erobern neue Lebensräume. Beispielsweise sollen Sporen des Tintenfischpilzes mit Schafwolle aus Australien nach Europa gekommen sein, wo der, wie ein rötlicher Krake aussehende und nach Aas riechende Pilz Vergiftungserscheinungen bei Hunden herbeiführte. Überhaupt sind wir Menschen nicht die Einzigen, die gern Pilze verspeisen. Ameisen und Termiten haben schon Pilze gezüchtet, bevor die ersten Menschen unsere Erde bevölkerten. Und sie tun es heute noch. Selbst was Pilz mit Pils, besser gesagt, dem Bier im Allgemeinen, zu tun hat, wird in diesem Buch erklärt. Und ganz nebenbei auch die Theorie des bayrischen Biologieprofessors Joseph Reichholf, die Menschen wären nur sesshaft geworden, um sich genug Körner für die Herstellung des berauschenden Bieres zu verschaffen. 

Faszinierende Fakten und Hintergründe über eine Lebensform, die irgendwo zwischen Pflanze und Tier steht, werden auf unterhaltsame Weise präsentiert und wissenschaftlich begründet. Robert Hofrichter hat sein Leben lang mit Pilzen zu tun. Als Kind aß er sie mit Vorliebe, wollte immer mehr darüber wissen und machte schließlich seine Leidenschaft zum Beruf. Dass so ein »Pilzverrückter« sogar den Heiratsantrag mit Hilfe eines bestimmten Pilzes machte (nein, keiner mit berauschender Wirkung!), klingt direkt logisch. 

Wer ein Bestimmungsbuch für Pilze sucht, wird von diesem Buch enttäuscht sein, obwohl einige sehr schöne Farbfotos vorhanden sind. Der Autor hat aber auch ein, derzeit leider vergriffenes und nur antiquarisch erhältliches, Pilzbestimmungsbuch geschrieben. Hier in »Das geheimnisvolle Leben der Pilze« vermittelt Hofrichter Erkenntnisse, die den Leser mit anderen Augen durch die Welt gehen lassen. Interessante Pilze sind von nun an nicht mehr nur die leckeren aus dem Wald oder Supermarkt, sondern alle, die mit und auch die ohne Hut.

Fazit: Ein lehrreiches, unterhaltsames Buch. 5*****

Das Hardcover mit Schutzumschlag ist im Gütersloher Verlagshaus erschienen, hat 240 Seiten und kostet 19,99 Euro. Das E-Book ist für 15,99 Euro erhältlich.




"Ich war jung und hatte das Geld" von Sebastian Lehmann

Untertitel: "Meine liebsten Jugendkulturen aus den wilden Neunzigern". Von manchen Jugendkulturen haben die meisten Menschen schon gehört. Hippie, Punker, Öko oder Christ ... mit diesen Begriffen kann sogar meine Mutter etwas anfangen. Bei Grunge, Emo oder Straight Edge würde sie nur verständnislos mit den Schulter zucken und fragen, ob das was ein neues Putzmittel, oder was zum Essen ist. Für alle, denen es ähnlich geht, hat Sebastian Lehmann dieses Buch geschrieben, dachte ich. 

Eigentlich müsste das 192 umfassende Buch, in dem über 50 verschiedenen Jugendkulturen je ein kurzes Kapitel eingeräumt wird, heißen: »Ich war jung und hatte das Geld nicht.« Denn während sie von einer trendigen Bewegung zur nächsten wechseln, fehlt Sebastian und seinen Freunden Flo, Dirk und Tina vor allem eins: das nötige Kleingeld, um sich standesgemäß auszustaffieren. So improvisieren die Schüler mit Hilfe von Handtüchern, Bademantelgürteln oder eingetrockneter Handmalfarbe. Erfinderisch sind sie und trotzdem geht immer irgendetwas schief. Dirk ist mit Abstand der Uncoolste von allen, so dass er fast schon wieder cool ist, denn diese Rolle zieht er tapfer durch. Egal ob er als Backpacker nur einen Kinder-Rollkoffer mit Marienkäfern dabeihat oder als Skinhead Pumuckl-Hosenträger, Dirk führt jede Jugendkultur ad absurdum. Für mich ist er der eigentliche Held der kurzen Geschichten. Gleichzeitig sorgt er dafür, dass die Erlebnisse immer noch Überraschungen bieten. Denn irgendwann hat man das Gefühl, egal was die Jungs da jetzt gerade ausleben, das hatten wir doch so ähnlich schon mal. Ein paar Kapitel vorher. 

Wer eine Art Nachschlagewerk der Jugendkulturen erwartet, wird enttäuscht sein. Der Autor nimmt sich selbst und all die verschiedenen Jugendbewegungen nicht wirklich ernst. Das zeigt sich auch darin, dass die Helden so jung sind, dass sie sich vor den bösen Fünftklässlern fürchten müssen. Denn sind sie kleine, unschuldige Grundschüler, die mit den oben erwähnten, begrenzten Mitteln und zusätzlich eingeschränkt durch Muttis Verbote, ausprobieren wollen, was bei den großen, echten Jugendlichen angesagt ist. Diese Konstellation hatte ich, ehrlich gesagt, nicht erwartet, sondern doch eher ein Mittelding zwischen humoriger Auseinandersetzung und Erlebnissen von jemandem, der wirklich dabeigewesen ist, bei den Gruftis, den Trekkies und den Skatern. Auch das Cover lässt keinesfalls an ständig aufs Neue scheiternde Grundschüler denken. Die phantasievollen Ankleidepüppchen zum Ausschneiden (??? Au weia, dann ist das Buch kaputt!), die viele der Kapitel illustrieren, sprechen auch eher jüngere Kinder an. 


Fazit: Nicht ganz mein Humor und ganz anders, als ich es dem Klappentext nach erwartet hätte. 3***

Das 192 Seiten umfassende Taschenbuch ist im Goldmann Verlag erschienen und kostet 10 Euro. Das E-Book ist derzeit für 8,99 Euro erhältlich. 


Montag, 22. Mai 2017

"Die Honigfabrik" von Jürgen Tautz und Diedrich Steen

»Die Honigfabrik - Die Wunderwelt der Bienen - eine Betriebsbesichtigung« ist ein in mehrfacher Hinsicht faszinierendes Buch. Zum Einen ist es sprachlich so gestaltet, dass es flüssig wie ein spannender Roman zu lesen ist. Zum Anderen steckt es so voller Wissen und interessanter Fakten über die Bienen, dass ein Aha-Erlebnis sich an das nächste reiht. Auch der Ansatz, die Welt der Bienen wie ein Unternehmen zu betrachten, gefällt mir sehr gut. Immer wieder staunte ich beim Lesen, wie hochgradig effizient die Honigproduktion mit allen dazugehörigen Arbeitsschritten organisiert ist, und wie perfekt diese »Firma« arbeitet. Ein Lehrbeispiel für so manches menschliche Unternehmen. 

Dem Autorenduo Jürgen Tautz (Professor der Uni Würzburg und international anerkannter Bienenexperte) und Diedrich Steen (Programmleiter im Verlag und seit 20 Jahren Imker aus Leidenschaft) gelang es von der ersten Seite an, mich in den Bann dieses Buches zu ziehen und mit der Begeisterung für die Bienen anzustecken. Allein schon die Kapitelüberschriften klingen verlockend: »Von dicken Mädchen, Geschwisterliebe und wütenden Amazonen«, Zickenterror mit Todesfolge« oder »Betriebsspionage, Raubüberfälle und Aliens aus Asien« laden dazu ein, diese Kapitel direkt auf zuschlagen. Aber halt! Die Erläuterungen des Buches bauen bei aller Spannung aufeinander auf. Man sollte es besser von vorn bis hinten der Reihe nach lesen, also eher wie einen spannenden Krimi, als wie ein fachliches Nachschlagewerk. Egal, ob es um die unterschiedlichen Aufgaben der Bienen in der Honigfabrik geht, um den genauen Ablauf der Honigproduktion oder um die Gefahren, die den Bienen in der heutigen Zeit drohen, jedes Kapitel liest sich spannend und trotz des vermittelten Wissens erstaunlich leicht. 

Die Gestaltung des Buches ist sehr lesefreundlich - Farbfotos finden wir erst auf mehreren Seiten am Ende des Buches, sodass zunächst das Lesevergnügen im Vordergrund steht. Grafische Elemente (Mikroskop und senkrechte Pünktchenline am Seitenrand) verraten, wenn es etwas wissenschaftlicher wird. In diesen Teilen finden sich manchmal auch erläuternde Schwarzweißzeichnungen und statistische Kurven. Ein Lesebändchen hilft, nach einer Pause sofort zur zuletzt gelesenen Seite zurückzukehren. Die Gestaltung des Schutzumschlags ist eine gelungene Kombination aus einem Fachbuch  zukommender Sachlichkeit und etwas leidenschaftlicher Verspieltheit und sollte sowohl Imker als auch interessierte Laien ansprechen. 

Fazit: Ein wunderbares Buch, um es, auf einer Sommerwiese liegend zu lesen, das Summen der Bienen als Hintergrundmusik im Ohr. Oder um bei kaltem Wetter vom Sommer zu träumen. Und in jedem Fall ganz nebenbei sein Wissen über diese faszinierenden Insekten zu vervielfachen. 5*****

Das Hardcover mit Schutzumschlag ist im Gütersloher Verlagshaus erschienen, hat 272 Seiten und kostet 19,99 Euro. Das E-Book ist für 15,99 € erhältlich. 


Mittwoch, 3. Mai 2017

"Die dunkle Seite des Sees" von Tina Schlegel

Dies ist nach "Schreie im Nebel" der zweite Bodensee-Krimi von Tina Schlegel um den Ermittler Paul Sito und den Kriminalpsychologen und Profiler Roman Enzig. Die Handlung beginnt Ende April / Anfang Mai. Die ersten heißen Tage des Jahres versetzen die Menschen am Bodensee in Sommerlaune. Noch ahnt niemand, dass die Hitze bis weit in den September hinein bleiben und immer mehr zur Last werden wird, genau wie der neue Mordfall, in dem Sito und sein Team ermitteln. 

Besonders gut hat mir bei diesem Buch die Bodenseeatmosphäre gefallen. Genau so kenne ich den See und die Stadt Konstanz. Immer wieder sah ich die bekannten Schauplätze vor Augen oder entdeckte Neues, mir bisher Unbekanntes, wie die kleine Dachterrasse der Buchhandlung. 

Die Kriminalfälle stehen in jedem Bodenseekrimi von Tina Schlegel für sich, die Hauptfiguren - Ermittler und ihr Umfeld - haben ihre eigene private Geschichte, die sich weiterentwickelt. Mit diesen Figuren kam ich vor allem deshalb gut zurecht, weil ich sie bereits aus "Schreie im Nebel" kannte. Einiges, was dort passierte, erklärt, warum die Hauptpersonen jetzt so und nicht anders handeln. In diesem zweiten Teil wird aber nur andeutungsweise darauf eingegangen, was ich schade finde für alle, die Teil 1 noch nicht kennen. Die Tagebuchaufzeichnungen Sitos halfen selbst mir nur bedingt weiter, sodass ich z.B. lange falsch lag, wessen Gesicht er immer wieder sieht. Trotzdem macht gerade die Entwicklung der Hauptfiguren einen Großteil des Reizes der Geschichte aus. Enzig, Sito, Samuel, Miriam ... sie alle haben ihre Probleme, lassen eine Entwicklung erkennen. Das lässt sie lebensecht und sympathisch wirken, gerade auch wegen der Fehler, die sie machen. 

Die Mordfälle sind außergewöhnlich und deuten auf ein persönliches Problem des Täters hin. Durch den Perspektivwechsel erfahren wir zwar schon früh einige Gedanken des noch unbekannten Mörders, das Motiv wird erst später im Buch enthüllt. Das macht es spannend. Auf den Täter hingegen deutet alles schon sehr bald hin und das finde ich schade für einen Krimi. Ich hätte gern mitgeraten, WER es war und nicht nur WARUM. 

Alles in allem ein unterhaltsames, spannendes Buch mit viel Bodenseeatmosphäre, eine interessante Fortsetzung des ersten Krimis »Schreie im Nebel«, den man meiner Meinung nach vorher gelesen haben sollte. 


Fazit: 4 ****

Das Taschenbuch ist im Emons-Verlag erschienen, hatt 336 Seiten und kostet 12,90 Euro. Das E-Book ist für 9,49 Euro erhältlich. 


Dienstag, 18. April 2017

"Als das Meer uns gehörte" von Barbara J. Zitwer

Tess, erfolgreiche Schuhdesignerin, lebt mit ihrem (Haus-)Mann und dem gemeinsamen 8-jährigen  gehörlosen Sohn Robbie in Manhattan. In der Vorweihnachtszeit wird der Mann von einem jugendlichen Gangster überfallen und ermordet. Für Tess und Robbie bricht eine Welt zusammen. Da Robbie Tess die Schuld am Tod seines Vaters gibt, zieht er sich immer mehr vor ihr zurück. Als Tess dann auch noch eine weitere schlimme Wahrheit verkraften muss, flüchtet sie am Weihnachtstag aus Manhattan. Dass an diesem Tag, an dem auch in den USA Weihnachten gefeiert wird, in Manhattan Presslufthämmer dröhnen und große Baugerüste aufgestellt werden, glaube ich einfach nicht. Hier sollte wohl eher der krasse Gegensatz dargestellt werden zwischen der Millionenstadt und dem verschlafenen Fischernest, in das Tess mit Robbie fährt. Montauk, der Ort ihrer Kindheit, direkt am Meer, wo Tess' alter Onkel Ike ein heruntergekommenes Motel besitzt. Bis hierher steigert sich die Geschichte, es kommen immer neue Tatsachen hinzu, die Spannung steigt, wie es mit Mutter und Sohn wohl weitergehen, ob Tess wieder einen Zugang zu Robbie finden wird. So einen Onkel Ike sollte jeder von uns haben, wohin man in Zeiten tiefster Verzweiflung flüchten kann.

Sehr gut gefallen haben mir auch die Naturbeschreibungen. Das Meer im Winter, später dann im Frühling und Sommer, die wechselnden Jahreszeiten und Wetterlagen, all das sah ich vor meinem geistigen Auge und glaubte es fast riechen zu können. Dieses Meer hat etwas Tröstliches, doch es scheint Tess und Robbie nicht direkt zu erreichen. Robbie findet erst ein wenig neuen Halt, als er den Meeresbiologen Kip kennenlernt und mit ihm Wale beobachtet. So faszinierend, wie diese Giganten der Meere sind, hier hat die Autorin es ein wenig zu gut gemeint. Kein Wal schwimmt so dicht neben einem Segelboot her, dass ein Achtjähriger ihn mit der Hand streicheln kann. Trotzdem fand ich die Walbegegnungen, genau wie die Meeresbeschreibungen, interessant.

Tess hingegen nervte zunehmend. Sie erwartet von ihrem Sohn, dass er all ihre plötzlichen Entscheidungen akzeptiert und mitträgt. Statt ihn in ihre Gedanken und Pläne einzubeziehen, ihm zu erklären, stellt sie ihn immer wieder vor vollendete Tatsachen und bedauert sich dann selbst, dass sie es so schwer hat mit ihm. Die Situationen wiederholen sich. Mal ist es das Essen, die Bibliothek, die Schule ... Alles wird von Tess bestimmt und ist Kampf. Der größte Teil des Buches dreht sich um dieses Hin und Her zwischen Mutter und Sohn, bis Robbie durch ein Schlüsselerlebnis plötzlich Montauk als seins ansieht und schützen möchte. Auch diese Szene fand ich etwas aufgesetzt. Tess findet nach und nach zu ihrer alten Form zurück, d.h. sie packt Projekte an und führt diese zum Erfolg. Sei es die Renovierung des Motels oder die Kreation neuer »Strand-Schuhe«. Dass  sie als Mutter nicht in der Lage ist, auch das »Projekt Sohn« aus eigener Kraft zu einem guten Ausgang zu bringen, ist ebenso bedauerlich wie klischeehaft. Tess ist eben Geschäftsfrau, die Lösung kommt, sehr dramatisch, nicht von ihr, sondern von Robbie. Allerdings fragte ich mich, ob ein Acht- oder Neunjähriger wirklich nach einem ersten Sommer-Segelkurs zu solchen Heldentaten in der Lage ist. 

Die meisten Figuren blieben für mich entweder rätselhaft und widersprüchlich oder blass. Dass es kein klassisches Happy End im Sinne von "... uns sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage ..." gab, empfand ich dagegen als wohltuend. 
Ein Lob an den Gestalter des Schutzumschlages. Die silber-blaue, leicht geriffelte Oberfläche und das Bild mit dem Schatten des Wals neben dem schwimmenden Jungen gefallen mit sehr gut.

Fazit: Etwas in die Länge gezogene Geschichte mit netten Naturbeschreibungen. 3***

Das Hardcoverbuch mit Schutzumschlag ist im Aufbau Verlag erschienen, hat 389 Seiten und kostet 19,99 Euro. Das E-Book ist für 14,99 Euro erhältlich. 


"Green Net" von Wilfried von Manstein

Bei diesem Buch sprachen mich das wunderschöne Cover und die Idee der im Green Net kommunizierenden Bäume an. Eine völlig andere Geschichte, für Leser von zwölf bis hundertzwölf, versprach der Autor und erwartete ich mir. Der Anfang gefiel mir, sowohl der Prolog, als auch die »Eigenheiten« Marios, die seine Mutter dazu bringen, mit ihm den Kinderpsychologen Robin de Winter aufzusuchen. Nach und nach lernen wir weitere Figuren kennen, wie Sabrina, die Freundin von Marios Mutter, oder Rado, die vierzehnjährige rebellische Tochter von de Winter, die als Reporterin der Schülerzeitung Umweltfrevlern auf der Spur ist. Doch je mehr ich las, um so schwerer fiel es mir. Mein Unbehagen wuchs, ich war mehrmals kurz davor, das Buch abzubrechen, ohne zunächst konkret sagen zu können, was mich störte. Also gab ich dem Buch eine Chance und las weiter. Die Geschichte will viel. Es gibt eine Botschaft, nämlich die vom bösen Menschen, der die Natur zerstört und ausbeutet, bis die Natur sich gegen ihn wendet. Sogenannte »Zeiter«, eine Erfindung eines besonderen Wissenschaftlers, können Menschen verlangsamen und Pflanzen verschnellern. Auch Zeitreisen kommen vor, ebenso andere tolle Erfindungen des Wissenschaftlers, bei deren bildlicher Vorstellung ich wirklich Spaß hatte. Aber dennoch, ich wurde mit dem Buch nicht warm. Die Figuren bleiben blaß, zweidimensional, allenfalls klischeehaft, wie z.B. Podoll. Sie handelten, meist sehr spontan, ohne ihre Beweggründe zu offenbaren. Es wird extrem schwarz-weiß gezeichnet. Alle Erwachsenen sind taub und blind für alles, was abseits von Einkaufswagen, Sonderangeboten und Treuepunkten liegt (S. 357). Ich bin der Meinung, schon Zwölfjährige, die als jüngste potentielle Leser angesprochen werden, sind in der Lage, zu differenzieren. Reginald, der große Pflanzendiktator, hatte eine »schwere Kindheit«, die Verständnis für die Wahl des Terrors zur gewaltsamen Weltverbesserung wecken soll? Diesen Denkansatz halte ich sogar für gefährlich. 

In insgesamt 75 Kapiteln bei 400 Seiten wird ständig zwischen Figuren, Ort und Zeit hin- und hergesprungen. Diese Momentaufnahmen bringen viel Unruhe ins Buch und verhindern, zusammen mit den knapp gezeichneten Figuren, sich in eine Situation richtig einzufühlen. Trotz dieser schnellen Sprünge zieht sich die Handlung, weil immer wieder jemand etwas stiehlt, jemanden jagt oder einsperrt, so dass das anvisierte Ziel wieder in die Ferne rückt. Ein bisschen wie in einem überdrehten Comic.

Gefallen hat mir, wie erwähnt, die Grundidee, der miteinander kommunizierenden Pflanzen. Auch, dass Bäume so langsam sprechen, dass wir Menschen es nicht wahrnehmen. Dass wir aus Baumsicht hin und her huschende Punkte sind und zur Ruhe kommen müssen, um die Bäume (die Natur) zu verstehen. Diese Botschaft kann ich annehmen.

Fazit: Ich war froh, als ich das Buch endlich zu Ende gelesen hatte. 2**
Das Hardcoverbuch hat 412 Seiten, ist in der Edition IMNO im Verlag M. Boerner erschienen und kostet 22,80 Euro.




Freitag, 24. März 2017

"Blutfährte" von Silvia Stolzenburg

"Blutfährte" ist der erste Thriller von Silvia Stolzenburg. Die Autorin ist vor allem für ihre historischen Romane und mittlerweile drei spannende Krimis bekannt, sowie für ihre akribische Recherche. Daher reizte es mich besonders, dieses Buch zu lesen, das im Umfeld der Bundeswehr spielt, einem ungewöhnlichen Thriller-Schauplatz. 

Das Cover mit den AUS-Schusslöchern sieht toll aus und verleitet dazu, das Buch in die Hand zu nehmen und darüber zu streichen. Dann liest man den Klappentext, blättert kurz - und will es ganz lesen. 

Schon der Prolog überrascht mit einer ungewöhnlichen Entwicklung der Handlung und warf einige Fragen auf. Wer? Wo? Und vor allem -  warum? Die Handlung springt ins Bundeswehrkrankenhaus Ulm, wo Sanitätshauptfeldwebel Tim eine ungewöhnliche Beobachtung macht und die Flucht ergreift. Wir erfahren einige Details aus dem Privatleben von Oberleutnant Mark Becker, bevor der Feldjäger den Auftrag bekommt, den abgängigen Tim wieder aufzuspüren. Schon hier wird deutlich, dass die Bundeswehr eine Welt mit eigenen Regeln ist. Wenn ein ziviler Krankenpfleger nicht zur Arbeit erscheint, wird man kaum sofort nach ihm suchen. Als in einem Hotel eine Leiche gefunden wird, schaltet sich auch die Polizei in die Suche nach Tim ein. 

Interessant fand ich, über die Arbeit der Feldjäger und das Kompetenzgerangel mit der "richtigen" Polizei zu lesen. Lisa Schäfer als Gegenspielerin / Partnerin von Mark Becker wirkt mir zwar stellenweise etwas zu zickig und arrogant. Von ihr stammt auch der Ausdruck "WIR sind die RICHTIGE Polizei." Trotzdem finde ich das Verhältnis von Mark und Lisa spannend und voller Potential für die nächsten Teile. 

Silvia Stolzenburg legt nicht nur eine Blutfährte aus, sondern lässt den Leser bis zum Schluss im Dunklen tappen, um was die ganze Jagd sich eigentlich dreht. So konnte ich das Buch kaum weglegen, wollte doch endlich die Auflösung wissen - die dann in einem atemberaubenden Finale daherkommt. Trotz aller Spannung gibt es auch komische Momente. Besonders eine Szene aus Mark Beckers Privatleben ist ganz großes (Kopf-)Kino! Ich freue mich jetzt schon auf den nächsten Fall von Mark Becker und Lisa Schäfer. 


Fazit: Spannende Unterhaltung vom Feinsten - 5*****

Das Taschenbuch aus dem Gmeiner Verlag hat 343 Seiten und kostet 15 Euro.


"Unsere Seelen bei Nacht" von Kent Haruf

Addie und Louis sind Nachbarn in einer Kleinstadt in Colorado. Beide jenseits der 70, verwitwet und einsam. "Nachts ist es am schlimmsten", sagt Addie und macht Louis ein ungewöhnliches Angebot: Statt einsam nicht schlafen zu können, nebeneinander zu liegen, zu reden und eben nicht allein zu sein. Es geht dabei nicht um Sex, sondern um das Gefühl, jemanden neben sich zu wissen, wenn man einschläft. Aus diesem ungewöhnlichen Vorschlag entwickelt sich eine ebenso ungewöhnliche Beziehung. Interessant und erschreckend zugleich ist, wie das Umfeld der Beiden reagiert. Einige wenige stimmen ihnen zu, offene Ablehnung erfahren Addie und Louis ausgerechnet bei den Menschen, die ihnen am nächsten stehen, den eigenen Kindern.

Mich hat diese Geschichte sehr berührt. Niemand möchte im Alter allein sein, erst recht nicht, wenn man Jahrzehnte einen geliebten oder zumindest vertrauten Menschen neben sich wusste. Ich fand all die kleinen Dinge, die Addie und Louis gemeinsam taten und die weit über das nebeneinander einschlafen hinaus gingen, sehr schön. Die Geschichte nimmt mir tatsächlich ein bisschen die Angst vor dem Altwerden. Denn zumindest haben wir selbst es in der Hand, ob wir dann auch einsam sind oder nicht. Und dabei ist nur wichtig, dass es uns gut geht und nicht, was andere von uns denken.
Ein Buch, dass mich bewegt und nachdenklich zurücklässt.
Fazit: 5*****

Die in Leinen gebundene Ausgabe aus dem Diogenes Verlag hat 208 Seiten und kostet 20 Euro.


Montag, 13. März 2017

"Das letzte Bild der Sara de Vos" von Dominic Smith

Sara de Vos ist der echten Sarah van Baalbergen nachempfunden, die im 17. Jahrhundert als erste Frau in die Haarlemer Lukasgilde der Maler aufgenommen wurde. Dem Autor gelang es, mich auf drei Zeitebenen zu fesseln. Abwechselnd versetzt er seine Leser in die Jahre 1637 bis 1648, 1958 und 2000. Die Verbindung zwischen den einzelnen Zeitebenen ist de Vos’ Gemälde »Am Saum eines Waldes«, seine Entstehung, seine Fälschung und ... mehr möchte ich hier nicht verraten. Obwohl ich sonst keine historischen Romane bevorzuge, hat mich diese Geschichte in ihren Bann gezogen. Die handelnden Hauptpersonen Sarah und Ellie im 17. bzw. 20. Jahrhundert, die versuchen, sich in einer von Männern dominierten Welt zu behaupten und tief im Innern doch auf der Suche nach Liebe sind. Auch Marty, Ellies Gegenspieler, wurde mir im Laufe der Geschichte immer sympathischer, obwohl er, wie Ellie, einen schlimmen Fehler macht. Und ganz nebenbei erfahren wir etwas über das Leben im Holland des 17. Jahrhunderts, über seine Maler und das Malerhandwerk. Dominic Smith versteht es, die Handlung so bildhaft darzustellen, dass man sich mittendrin glaubt. Seine Beschreibung des Lichts und der Gerüche, die Unterschiede zwischen den einzelnen New Yorker Stadtvierteln, all das wurde vor meinem inneren Auge lebendig.

Und dann ist da noch die Tragik im Leben der Hauptpersonen. Sie alle haben ihre Sehnsüchte und alle müssen lernen, damit umzugehen, dass diese zum Teil unerfüllt bleiben. Auch Nebenfiguren wie Griet oder Cornelis werden liebenswert beschrieben und erwecken unser Mitleid um das, was sie verloren haben. Mir hat das Buch sehr gut gefallen. Es ist kein hochspannender Fälscherroman, sondern erzählt, was die Malerin, die Fälscherin, den Betrogenen usw. antreibt, so und nicht anders zu handeln. Ein Buch über Schuld und Reue, Hell und Dunkel, wie ein Gemälde. 

Das Cover ist wunderschön und passt zur Geschichte. Man glaubt, die Leinwand zu fühlen, wenn man darüber streicht. 


Fazit: 5*****

Das Hardcover mit Schutzumschlag ist im Ullstein Verlag erschienen, hat 352 Seiten und kostet 20 Euro. Das E-Book ist für 16,99 Euro, das Hörbuch für 19,99 Euro erhältlich. 


Mittwoch, 8. März 2017

"Die Verseflüsterin" von Nicolas Fougerousse

Das wunderschöne Cover lädt zum Träumen ein: Der leicht bewölkte, luftige Himmel und ein handbeschriebenes Blatt Papier verheißen eine Geschichte voller Leichtigkeit und Poesie. 

Held der Geschichte ist Marcus, 38 Jahre, der zusammen mit seiner Frau Isabelle in Paris lebt. Isabelle ist glücklich, in der Bibliothek zu arbeiten, Marcus verdient im Büro einer IT-Firma in La Defènse gutes Geld. Aber glücklich ist er nicht und so beginnt er über sein Leben nachzudenken, als er eines Morgens einen Zettel mit einer kurzen Botschaft an seinem Auto findet: »Höre auf Deine Gefühle!«In kleinen Schritten beginnt Marcus sein Leben zu verändern, hört bewusst zu, was andere Menschen und sein Gefühl ihm sagen wollen. Ganz allmählich nehmen die glücklichen Momente zu, in denen sich Marcus leicht und unbeschwert fühlt. 

Wir Leser dürfen Marcus bei dieser Reise zu sich selbst Gesellschaft leisten. Für mich gab es beim Lesen viele Aha-Erlebnisse. Kleine Dinge, die sich auch in meinem Alltag umsetzen lassen und die Lebensqualität erhöhen. Die vielleicht nicht jedem gefallen, wie ich anderen Rezensionen entnehmen kann. Aber wer bewusster leben möchte, sich für Yoga interessiert, die Kommunikation mit seinen Mitmenschen verbessern möchte u.ä., wird sich in der Geschichte von Marcus wohlfühlen. Und dann ist da noch die Geschichte hinter der Geschichte. Der geheimnisvolle Angelo, der Marcus ein wichtiger Freund wird und auf eine ganz besondere Weise mit seinem Leben verbunden ist. Es geht um Schuld, Vergebung und letztendlich Liebe. Darauf läuft alles hinaus, wenn man es richtig macht. In der Geschichte erhält Marcus ein Buch, das tatsächlich existiert und das ich gern als Nächstes lesen möchte: »Die vier Versprechen. Ein Weisheitsbuch der Tolteken« von Don Miguel Ruiz.

Den Titel finde ich ein wenig irreführend. Zusammen mit dem Klappentext weckt dieser Titel die Erwartung, dass die »geflüsterten Verse« die geheimen Botschaften sind, die Marcus erhält. Den französischen Titel übersetzte ich mit »Der/Die Gedichte schrieb, um die Berge zu bezwingen«, und dieser bekommt im Laufe der Geschichte eine völlig andere Bedeutung. Dies und ein paar wenige sprachliche Fehler sind aber die einzige Kritik am Buch und schmälern seine Kraft und Bedeutung in keiner Weise. 

Fazit: Für mich das richtige Buch zur rechten Zeit: 5*****

"Die Verseflüsterin" ist als Hardcover mit Schutzumschlag im Libra Verlag erschienen, hat 232 Seiten und kostet 18,90 Euro. Ein E-Book ist, soweit ich weiß, noch nicht erschienen.


Sonntag, 26. Februar 2017

"Schlaflied" von Cilla und Rolf Börjlind

»Schlaf, du kleines Weidenkind, denn es ist noch Winter ...« Dieses rührende alte Schlaflied singt ein Junkiemädchen für ein Flüchtlingsmädchen aus Nigeria. Zwei Gestrandete, die am Straßenrand in Stockholm aufeinander treffen und sich aneinander klammern, um nicht unterzugehen. Muriel hilft Folami und findet dadurch zurück zu sich selbst. Das klingt erst einmal überhaupt nicht nach Krimi, ist aber der für mich berührenste Seitenstrang dieses Buches, und zudem geschickt mit der Haupthandlung verwoben. Die hat es in sich. Es geht um tote Kinder, vorsätzlich ermordet. Die Spur führt von Schweden nach Rumänien und wieder zurück. Es klingt so unglaublich, was im modernen Europa, in der Europäischen Union, möglich ist und tagtäglich passiert. Auf was für Ideen Menschen kommen und wie andere gezwungen sind, dahin zu vegetieren. Trotzdem kommt dieses Buch ohne vordergründig bis ins Detail beschrieben Splatter-Grausamkeiten aus. Trotzdem geht das, was hier beschrieben wird, zeitweise bis an die Grenze des Erträglichen.

Das Buch beginnt mit einem Prolog, nach dem es drei Monate zurückgeht und dann in mehreren Handlungssträngen weiter. Dass »Schlaflied« bereits der vierte Teil einer Krimireihe ist, wurde mir erst am Ende beim Lesen des Hinterklappentextes klar. Das heißt, man muss die drei Vorgänger nicht gelesen haben, um von diesem hochaktuellen Krimi gefangen genommen zu werden. Geschickt schafft es das Autorenduo, übliche Klischees zu vermeide. Die Figuren haben alle ihre Ecken und Kanten. Die Guten haben ihre schlechten Seiten und die wirklich abgrundtief Bösen zeigen zumindest zeitweise sogar so etwas wie Reue und Menschlichkeit. Um danach weiter Böses zu tun. Gerade darin liegt für mich die Faszination dieses Krimis. Es gibt kein Schwarz-Weiß, sondern nur mehr oder weniger gelungene Bemühungen, das Grau in Weiß oder eben in Schwarz zu verwandeln. Sowohl die Flüchtlinge als auch die Schweden werden differenziert betrachtet.


Trotz mehrerer parallel verlaufender Handlungsstränge gelingt es mühelos, dem Geschehen zu folgen. Als Leser dürfen wir immer wieder auch an den Gedanken der agierenden Personen teilhaben, wodurch ihre Motive und Handlungen klarer werden. Selbst Zufälle, die nahezu unglaublich scheinen, werden im Laufe der Geschichte logisch erklärt. So wie überhaupt alles irgendwie zusammenhängt. Das ist für mich eine der versteckten Grundaussagen dieses Krimis: Wir leben alle in einer Welt, auch wenn die Art, wie wir es tun, unterschiedlicher kaum sein kann. Und eine andere: Das Böse entsteht nicht erst, wenn diese Unterschiede aufeinander prallen. Es ist schon da und lauert nur darauf, seinen Vorteil aus allem zu ziehen.

Fazit: Ein empfehlenswertes Buch. Spannend, berührend und aufwühlend zugleich. 5*****

Das Taschenbuch ist im btb Verlag erschienen, hat 576 Seiten und koste 15 Euro. Das E-Book ist für 11,99 Euro erhältlich.


"Der Mann, der Luft zum Frühstück aß" von Radek Knapp

Wer kommt schon auf die Idee, seinen Sohn nach einem Beruhigungsmittel zu nennen? Walerians Mutter. Ihr verdankt er diesen ungewöhnlichen Vornamen. Ebenso, dass er die ersten elf Jahre seines Lebens bei den Großeltern in Polen aufwuchs, um danach von seiner merkwürdigen Mutter nach Wien entführt zu werden. Hier versucht der Junge, irgendwie klar zu kommen. Er lernt langsam Deutsch, weil seine Wiener Mitschüler auf der Sonderschule so langsam reden, dass ihm Zeit bleibt, jedes Wort im Wörterbuch nachzuschlagen. An der Handelsakademie perfektioniert er das Schulschwänzen und begegnet dem Leben täglich aufs Neue voller Staunen und Hoffnung. Wo andere klagen würden, erkennt Walerian für sich etwas Positives. So hat der junge naive Held ständig das Gefühl, sein Leben würde sich zum Besseren wenden, was es letztendlich auch tut. Jede Verbesserung nimmt er staunend und dankbar an. Darin liegt für mich der Zauber dieses Buches. Das Glück der kleinen Dinge erkennen wie ein Kind. Und wenn es nur der faszinierend schnell wachsende Schimmelfleck an der Wand ist. Lebten alle Menschen so, gäbe es mehr Freude in der Welt. 

Dieser Roman des polnischen Autors Radek Knapp trägt zumindest teilweise autobiografische Züge. Wie Walerian wuchs der Schriftsteller zunächst bei den Großeltern auf, bevor er mit 12 Jahren zu seiner Mutter nach Wien kam und dort u.a. auch die Handelsakademie besuchte.

Mir hat dieses Buch sehr gut gefallen. Es lässt sich gut lesen, neben der Handlung erfahren wir viel über Walerians Gedankenwelt. Die ist keinesfalls langweilig, sondern macht, dass einem beim Lesen warm ums Herz wird. Was es mit dem seltsamen langen Titel des Buches auf sich hat, erfahren wir im Laufe der Erzählung. 

Fazit: Ein schönes, Herz wärmendes Buch. 5*****

Das Hardcover mit Schutzumschlag ist im Deuticke-Verlag erschienen, hat 128 Seiten und kostet 16 Euro (Und ist jeden Euro davon wert!). Das E-Book ist für 11,99 Euro erhältlich.



Samstag, 4. Februar 2017

"Die Kanzlerin" von Linda Behringer

Angelika Mörkel, Deutschlands Bundeskanzlerin in diesem Buch, soll gemeinsam mit ihrem Ehemann heimlich Geld in die Schweiz geschafft haben, um Steuern zu unterschlagen. Diese Nachricht ist für die Presse ein gefundenes Fressen und der Skandal des Jahres. Mörkels Vertrauter rät ihr, unterzutauchen, und bringt Mörkel inkognito bei seinem ( ihm fremd gewordenen) Sohn in einer Berliner WG unter. Dieses Szenario erschien mir extrem unglaubwürdig, ist aber der Aufhänger für den weiteren Verlauf der Handlung. Während offiziell behauptet wird, die Kanzlerin sei krank, beginnt eine Hetzjagd der Journalisten, die ihren wahren Aufenthaltsort ausfindig machen und eine Stellungnahme von ihr haben wollen.
Ich gebe zu, beim Anblick des Covers war ich skeptisch. Diese Zitronenpresse, die es tatsächlich zu kaufen gibt, trifft nämlich gar nicht meinen Humor. Aber der Klappentext des Buches las sich gut, also gab ich der 172 Seiten langen Geschichte eine Chance und wurde nicht enttäuscht. Das Buch liest sich locker weg, was zum Einen am Erzählstil liegt, der sehr gut zum Genre passt, zum Anderen an den präzisen Hinweisen auf den nächsten Ortswechsel zu Beginn eines neuen Kapitels. Die vielen unterschiedlichen Charaktere haben alle ihre teils schrulligen Eigenarten und sind sehr gut unterscheidbar. Manche Szenen sind zwar etwas sehr skurril, z.B. die Kanzlerin in der Abstellkammer versteckt, aber wenn man sich auf diesen Humor einlässt, erkennt man fast so etwas wie eine Botschaft in dem Buch - Kanzlerinnen sind auch nur Menschen! So erleben wir Angelika Mörkel im Jogginganzug am WG-Tisch, als Ersatzkrankenpflegerin des griesgrämigen Nachbarn, in Erinnerungen schwelgend an die erste, total verliebte Zeit mit ihrem Ehemann usw. Ganz nebenbei kommen die Menschen in ihrem Umfeld ihr und sich gegenseitig (wieder) näher, was beim Lesen ein nettes, zufriedenes Gefühl erzeugt. Das große Finale ist filmreif, und spätestens da kam mir der Gedanke, dass das Buch wirklich eine prima Vorlage für einen Film wäre. Sicher ist manche Idee sehr weit hergeholt, aber wer von uns weiß denn, was hinter den Gardinen im Hause Kanzlerin wirklich los ist? Oder in ihrem Kopf? 
Es gibt einige Anspielungen auf aktuelle und vergangene Ereignisse. Politik und Presse kommen dabei nicht so gut weg, aber wir Deutschen wollen bei allem Humor ja auch immer etwas haben, auf das wir schimpfen können. 
Fazit: Nette, humorvolle Story. 4****
Das Taschenbuch ist als Book on Demand erschienen, hat 172 Seiten und kostet 9,99 Euro. Das E-Book ist für 6,99 Euro erhältlich. 


Donnerstag, 26. Januar 2017

"Totenrausch" von Bernhard Aichner

Wie hatte ich diesem dritten Teil der Blum-Trilogie entgegengefiebert! Teil 1 "Totenfrau" hatte mich berührt, wie kein Thriller vorher und teils schluchzend, teils atemlos weiterlesen lassen. Teil 2 "Totenhaus" hatte ein bisschen was von "Shining" und ließ mich am Ende mit der Frage zurück: "Wie, verdammt noch mal, soll denn hier alles wieder gut werden?" (Man sollte die drei Teile unbedingt auch in der richtigen Reihenfolge lesen.)

Und nun Teil drei. Tatsächlich findet Blum einen Weg zu einem Ort, der ihr und den Kindern wieder Geborgenheit gibt. Dass die Kinder dieses Gefühl genießen, in ihrer unschuldigen Naivität, ist normal. Dass Blum sich ebenfalls dieser Illusion hingibt, zumindest zeitweise verständlich. Nach allem, was sie durchgemacht hat, tut es ihr ebenso gut, wie den Kindern, wieder Normalität zu leben. Trotzdem sitzt sie auf einer tickenden Zeitbombe, das weiß sie. Darum kann ich ihre Handlungen gleich mehrfach nicht nachvollziehen, verliert Blum für mich ihre Glaubwürdigkeit. Erstens: Ihr Aussehen. Sie war mit Fahndungsplakaten in Österreich und Deutschland gesucht worden. Daran mögen sich manche Menschen noch erinnern. An keiner Stelle las ich, dass Blum ihr Aussehen verändert hätte, z.B. Haare geschnitten und gefärbt. Zweitens: Die Pässe für sich und die Kinder. Das war ihr großes Ziel. Warum haut sie nicht ab, als sie die Dokumente hat, sondern glaubt, ihre Schuld, ihr Versprechen nicht einlösen zu müssen? Drittens: Spätestens nach dem ersten Fehlschlag hätte sie die Kinder schnappen und verschwinden sollen. Natürlich, Blum ist müde geworden auf der Flucht. Aber jetzt hatte sie Zeit, sich zu erholen, weiter zu denken. Klar zu denken, so wie in den ersten beiden Teilen. Lange Zeit erschien sie mir in »Totenrausch« wie weichgespült. Kann Blum wirklich nur klar und logisch denken, wenn, salopp gesagt, die Kacke am Dampfen ist? Oder war ihr naives Vertrauen zu Schiele einfach nur notwendig, um die Geschichte so erzählen zu können, wie sie jetzt vor uns liegt? Wäre sie nach Erhalt der Pässe geflohen, wäre das Buch nach nicht einmal 90 Seiten zu Ende gewesen. So aber konnte Blum wieder zur Höchstform auflaufen und Totenrausch zu einem atemraubenden Finale führen. 

Alles in allem ein typischer Aichner. Die kurzen knackigen Sätze, die den Leser voranpeitschen. Manchmal noch einer hintendran gehängt. Und noch einer. Schnörkellose Dialoge, und damit meine ich nicht nur die fehlenden Anführungszeichen. Dadurch entsteht Tempo, man liest und will weiterlesen. Noch ein Kapitel. Noch eins, das war ja gerade so kurz. Und dann wieder die Momente, in denen wir mit Blum ganz still werden. Wenn sie die Kinder streichelt, während sie schlafen. Liebe und Hass, Leben und Tod so dicht beieinander. 

Das Bild auf dem Cover ist auch ein Aichner. Der Autor malt nämlich auch und das so gut und erfolgreich, dass es schon mehrere Ausstellungen gab. 


Fazit: Spannender Abschluss der Trilogie. 4****

Das Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen ist im btb Verlag erschienen, hat 480 Seiten und kostet 19,99 Euro. Das E-Book ist für 15,99 Euro erhältlich. 


Montag, 16. Januar 2017

"Vegan For Fit - Gipfelstürmer" von Attila Hildmann

»Vegan For Fit - Gipfelstürmer« heißt das neuste Buch von Attila Hildmann. Attila ist nahezu jedem bekannt, der sich für vegane Ernährung interessiert. Er hat am eigenen Körper getestet, was gesunde vegane Ernährung plus Sport bewirken können und sich vom schwer atmenden Moppelchen zu einem wohlproportionierten, gesunden Mann entwickelt. Attila verstand es außerdem, seine Erfahrungen in so motivierende Worte zu packen, dass kombiniert mit hübschen Bildern und leckeren Rezepten bereits mehrere Bücher daraus entstanden sind, die sich verkaufen wie geschnitten (veganes) Brot.
»Vegan For Fit - Gipfelstürmer« verspricht, dass jeder, der dieses Buch liest und seine Ratschläge befolgt, sich nach Attilas Rezepten ernährt und die nötige Zeit in leichten Sport investiert, innerhalb von 7 Tagen bis zu 4 Kilogramm abnehmen und gleichzeitig seinen Körper entgiften kann. Klingt super und nach einem verlockenden Einstieg in die Welt der verganen Ernährung, für alle, die es gern einmal probieren wollen. Sieben Tage ... das ist machbar, oder?
Mir gefällt die Aufmachung des Buches. Eine überschaubare Menge Text, theoretisches Wissen, ein Schritt-für-Schritt-Programm und jede Menge Rezepte für die sieben Tage, immer mit verschiedenen Alternativen und zusätzlichen leckeren Bausteinen, z.B. nach dem Sport. Zusätzlich zum Buch gibt es einen kostenlosen Rechner im Internet, wo jeder seinen persönlichen Bedarf an Nährstoffen ausrechnen und die Zutatenmengen der Rezepte entsprechend anpassen kann. Dabei werden Faktoren wie Körpergröße, Gewicht, Alter, Beruf und Bewegungsprofil berücksichtigt. Das finde ich praktisch und sinnvoll, auch wenn es im ersten Moment die Rezepte etwas verkompliziert. Sofort drauflos mixen oder kochen ist nicht, erst muss gerechnet werden. Aber immerhin lassen sich mit den errechneten werten Einkaufslisten online erstellen und ausdrucken.
Wobei das mit dem sofort Loslegen sowieso nicht ganz so einfach ist. Zumindest, wenn man die Rezepte ganz genau befolgen will. Herr Hildmann verkauft nämlich nicht nur Bücher, sondern betreibt auch einen »veganen Kaufmannsladen«, online natürlich. Und ebenso natürlich sind Produkte, die den Namen »Attila Hildmann« tragen, Basis dieses Detoxprogramms. Ohne »Attila Hildmann Macha Tee«, »Attila Hildmann Açaí-Fruchtpüree« und am besten noch »Attila Hildmann Bio Protein« geht nämlich gar nichts! Kann man glauben, muss man aber nicht. Zum Beispiel liebe ich mein original aus Japan mitgebrachtes Bio Mach Teepulver und sehe keinen Grund, es durch »Hildmann« zu ersetzen. Schwieriger wird es schon bei dem Açaí-Beeren-Pürree, das laut Buch beim »Biodealer meines Vertrauens« erhältlich ist. Ist es nicht, nicht im kleinen Bioladen und auch in keinem Biosupermarkt im Umkreis von mehr als 20 Kilometern. Das Wort »Biodealer« soll wahrscheinlich cool klingen, na ja ...
Am meisten stört mich an dem Buch aber etwas ganz Anderes: Jeder, der von heute auf morgen vom normalen Alles-Esser auf rein vegane Ernährung umstellt, wird Veränderungen bemerken. Besonders, wenn er dabei Bio-Obst und -Gemüse den Vorzug gibt vor industrieller »sieht-aus-wie-Fleisch-schmeckt-aber-nicht-so« Fertignahrung. Bei mir zeigten sich damals recht schnell Gewichtsabnahme, Energiezunahme, ein Hochgefühl, der unbändige Drang, mich zu bewegen. Ohne Hildmann-Buch oder -Produkte. Ich denke, so reagiert ein Körper, einfach auf die Ernährungsumstellung. Das bedeutet, es wird wahrscheinlich bei nahezu allen, für die »Vegan For Fit« der erste Versuch einer konsequent veganen Ernährung ist, ähnlich funktionieren. »Wow! Attilas Programm funktioniert.« Werden diese Leute sagen. Und weiter seine Produkte kaufen. Perfektes Marketing. Gekonnter Ritt auf einem aktuellen Trend, Herr Hildmann.
Fazit: Schönes Buch, aber nicht notwendig. Vegan funktioniert auch ohne »Hildmann« 2**
Das Hardcover ist im Becker Joest Volk Verlag erschienen, hat 160 Seiten und kostet 19,95 Euro. Das E-Book ist für 9,99 Euro erhältlich.

"Gemüseheilige" von Florentine Fritzen - Eine Geschichte des veganen Lebens

Die Autorin Florentine Fritzen hat eine erstaunliche Anzahl historischer Fakten zur Geschichte des Veganismus in Deutschland zusammengetragen. Dabei stützt sie sich größtenteils auf Dokumente, die von diesen »Gemüseheiligen«, Natur- oder Pflanzenköstlern selbst verfasst wurden. Angefangen von Reinhold Riedel, der in den 1890er Jahren beruflich viel unterwegs war und sich dabei fast ausschließlich von Obst, Trockenfrüchten, Brot und Nüssen ernährte, bis hin zum Veganismus der Gegenwart, den mittlerweile etwa 900.000 Deutsche leben. Fritzens Buch liest sich größtenteils spannend und bietet dem Leser viele Aha-Erlebnisse. Dass der Veganismus als höchste Stufe des Vegetarismus angesehen wird, ist nicht neu, auch wenn das Wort »vegan« erst 1944 in England erfunden wurde und Jahrzehnte später in Deutschland gebräuchlich wurde. Seit Riedels Zeiten scheint allerdings das Bekenntnis zu rein pflanzlicher Ernährung so etwas wie eine Glaubensfrage gewesen zu sein. Anfangs standen vor allem gesundheitliche Aspekte im Vordergrund, Kurkliniken auf Basis der »Sonnenlichtnahrung« schienen ein Allheilmittel gegen allerlei Krankheiten des zunehmenden Wohlstands zu sein. Doch bald kamen die ersten Stimmen auf, die Tötung und Ausbeutung der Tiere als Sünde ansahen. Veganismus wurde, bevor es das Wort gab, eine Art Ersatz- bzw. Zusatzreligion. Auch dunkle Kapitel des Veganismus werden im Buch angesprochen, wie bspw. der »Zwangsvegansimus« während der Zeit des 1. Weltkriegs, als tierische Lebensmittel knapp und nahezu unerreichbar waren. Oder die Gleichschaltung vegetarischer Vereine zur Zeit des Nationalsozialismus. Spätestens hier ploppt die Erkenntnis auf, dass Veganer oder Vegetarier nicht automatisch bessere Menschen sind. 
In der Gegenwart ist vegan für viele Menschen eine Art Lifestyle, eine Art der Abgrenzung von all den Normalen, man isst eben anders und fühlt sich dadurch besser. Egal, ob dabei ethische (Tierschutz) oder gesundheitliche Aspekte im Vordergrund stehen, die Industrie hat dies erkannt und nutzt den neuen Trend, um in allen Supermärkten mit »vegan« zu locken. Die Verkaufszahlen hübsch aufgemachter veganer Kochbücher sind so hoch, dass daran gemessen mittlerweile wohl ganz Deutschland vegan leben müsste. Um so aufschlussreicher ist Fritzens Rückblick auf die Geschichte der veganen Ernährung in Deutschland. Und vielleicht ist der Trend zu »wenigstens ein bisschen vegan« ein Versuch, an die ursprünglichen Ziele der ersten Gemüseheiligen anzuknüpfen, die davon träumten, die Welt zu verändern und zu verbessern. Dass es dazu keiner »wie-Fleisch-aussehenden« Ersatzprodukte bedarf, macht das Beispiel Reinhold Riedels deutlich. Und dass »vegan« nicht automatisch »gesund« bedeutet, wird spätestens beim Blick auf die Inhaltsstoffe der industriell hergestellten, veganen (Fertig-)Produkte deutlich. Auch die aktuelle Diskussion um vegane Ernährung von Kindern und Schwangeren oder das Vitamin B12 findet Platz in diesem Buch.
Mir hätte eine klarere historische Linie in diesem Buch gefallen. Für meinen Geschmack geht es vor allem in der ersten Hälfte des Buches immer wieder vor und zurück. Die aktuelle Entwicklung der letzen knapp zehn Jahren wird relativ kurz abgehandelt, als »Hype« dargestellt, ohne tiefer auf die Gründe einzugehen. Ist vegan wirklich nur eine Alternative zu »Low Carb« oder Intervallfasten? Oder ist es ein Versuch, in kleinen Schritten die Welt verbessern zu wollen, ganz in Tradition von Riedel, Skriver und Co?
Fazit: »Gemüseheilige« hilft, die Entstehung des Veganismus zu verstehen und hinterfragt gleichzeitig aktuelle Trends. 4****
Das Hardcover mit Schutzumschlag ist im Franz Steiner Verlag erschienen, hat 183 Seiten und kostet 21,90 Euro. Eine E-Book-Ausgabe ist (bis jetzt ) nicht erhältlich. 

Mittwoch, 4. Januar 2017

"Mein veganer Adventskalender" von Franzi Schädel

Advent vegan? Das klingt wahrscheinlich für alle Nicht-Veganer langweilig und nach ganz viel Verzicht. Dieses Buch von Franzi Schädel beweist das Gegenteil. Es vereint Rezepte für die Weihnachtsbäckerei, Wohlfühlgerichte für kalte Wintertage, Ideen für festliche Menüs und Anleitungen für verführerisch leckere Geschenke aus der Küche. 
Die Adventszeit 2016 war die Gelegenheit, mir diesen besonderen Adventskalender zu gönnen und einige der Rezepte zu testen. Allerdings darf man "Adventskalender" nicht wörtlich nehmen. Es gibt nicht für jeden Tag ein Rezept, sondern man kann die ganze Adventszeit und auch darüber hinaus in den Rezepten stöbern und ausprobieren, worauf man Appetit hat. Wir testeten als Erstes mehrere Sorten Plätzchen, die ausnahmslos gelangen und wunderbar  schmeckten. Die Zutatenlisten waren überschaubar, und alles ließ sich im Bioladen oder im ganz normalen Supermarkt mit Biosortiment besorgen. Wer vegan lebt, hat die Basics ja sowieso im Haus. Für alle Anderen ein schöner Grund, diese mal zu testen und erstaunt festzustellen - es geht sehr lecker auch völlig ohne tierische Zutaten! Von den anderen Rezepten probierten wir ebenfalls mehrere aus. Alles war lecker und schmeckte auch unseren Gästen. Das Buch wird uns weiterhin begleiten, nicht nur im Advent, denn einige der Rezepte haben das Zeug zu echten Lieblingsgerichten.

Einziger Kritikpunkt: Warum kompliziert, wenn es auch einfach geht? Bei den getesteten Rezepten fiel uns mehrfach auf, dass die Zubereitung unnötig verkompliziert wurde. So zum Beispiel die gefüllten Süßkartoffeln. Wenn ich diese, wie im Rezept angegeben, erst NACH dem Garen fülle, leuchtet mir nicht ein, warum ich sie 1,5 Stunden im Backofen garen soll, anstatt sie 15 Minuten im Ganzen zu kochen. Ähnlich war es bei dem Plätzchenteig mit den gekühlten Zutaten, die dann weich (und warm) geknetet werden sollten. Ich bin der Meinung, hier kann man super vereinfachen, aber das muss jeder selbst entscheiden. Alles in allem sind die Rezepte aber keinesfalls kompliziert.

Die Gestaltung des Buches ist sehr gut gelungen. Zu Beginn gibt es eine kurze, sehr persönliche Einführung der Autorin. Eine hübsche Frau, die Sinnlichkeit und Lebensfreude ausstrahlt und so gar nicht dem Klischee des verzichtenden, verhärmten Veganers entspricht. Die Rezepte sind Schritt für Schritt beschrieben, Zutatenliste, Zeit- und Werkzeugbedarf und zu erwartende Menge (Stück, Portionen oder Gläser) genau aufgeführt. Dazu gibt es bei vielen Rezepten ganz kurze Anmerkungen der Autorin, z.B. über alternative Gewürze oder passende Deko. Jedes Rezept füllt mehr oder weniger eine Seite, ihm gegenüber verspricht ein zauberhaftes ganzseitiges Foto des fertigen Gerichts oder Backwerks kulinarischen Genuss. 

Das Buch beweist in beeindruckender und verführerischer Weise, dass vegane Küche sehr lecker und abwechslungsreich sein kann, und macht vielleicht auch Nicht-Veganern Mut, es einfach mal zu probieren.


Fazit: Ein wunderschönes, sehr empfehlenswertes Buch. 5*****

Das Hardcoverbuch ist im Kosmos Verlag erschienen, hat 96 Seiten und kostet 12,99 Euro. 




Die Zitronenkekse schmecken mindestens so lecker, wie sie aussehen. Die eingebackenen Kräuter lassen sich tatsächlich auch im Winter in unserem Garten finden. 

Montag, 2. Januar 2017

"Die Dackel sterben aus" von Dieter Hermann Schmitz

Selbstfindungsbücher gibt es viele. Von Menschen, die den Jakobsweg gewandert sind, ihre Ernährung umgestellt, ihre Lebensweise geändert oder ihre Haare gefärbt haben. Dass jemand übers Kasperltheater zu sich selbst findet, ist neu, aber sehr amüsant zu lesen in diesem Roman von Dieter Hermann Schmitz. Karl, der Held der Geschichte, ist Witwer, Lokalreporter und in allem, was er tut und kann, unauffälliges Mittelmaß. Als Karl krankheitsbedingt zu Hause bleiben muss, bittet seine Schwester ihn, ihre Kinder zu hüten. So kommt es, dass Karl die alten Kasperlpuppen wieder herauskramt. Die Begeisterung seiner »Niften« (Nichte + Neffe) motiviert ihn, ein richtiges Kasperltheater zu bauen, damit im Kindergarten, auf Kindergeburtstagen und selbst in der Seniorenresidenz seiner Mutter aufzutreten. Nebenbei kümmert Karl sich auch noch um seinen liebenswert schrulligen Nachbarn und dessen dickbäuchigen Dackel, die Schwester seines türkischen Kollegen und die »Bert-Bande« von hinterm Gartenzaun.  

Mir haben an diesem Buch besonders Karls Gedanken gefallen. Karl denkt viel nach, über Gott und die Welt, seinen wohlgeratenen Sohn Samuel, Frauen, Computer (»... dass ein jeder im Leben den Computer erhält, den er verdient«). Je mehr ich über Karl erfuhr, um so liebenswerter erschien er mir. So einem netten Kerl wünscht man als Leser einfach nur das Beste, aber irgendwie geht auch ab und zu mal was schief. Wie im wirklichen Leben eben. Dass immer wieder rheinische Mundart auftaucht, macht das Buch noch authentischer. Der Hammer aber sind die von Karl selbst erdachten Theaterstücke für seine Kasperlpuppen. Politisch herrlich inkorrekt und doch hochaktuell. Bei dem Stück in der Seniorenresidenz hab ich echt Tränen gelacht. 

Das Buch ist KEIN Dackelbuch, auch wenn ein Dackel mitspielt. Es ist eine Geschichte über einen liebenswerten Menschen, der aus dem gewohnten Alltagstrott ausbricht, tut, was ihm Spaß macht und damit viele andere Menschen glücklich macht. Ein Buch, das Mut macht, sich auf seine Träume und Talente zu besinnen und einfach mal etwas anders zu machen. Vielleicht sogar besser. Ein Buch, das glücklich macht, wenn man es liest. 


Fazit: Sehr unterthaltsam und empfehlenswert. 5*****

Das Taschenbuch hat 464 Seiten und kostet 9,99 Euro. Das E-Book ist für 2,49 Euro erhältlich.