In diesem Blog geht es ausschließlich um Literatur oder, einfacher gesagt, um Bücher. Ihr findet hier Buchempfehlungen, meine Rezensionen zu Büchern und e-Books, die ich gelesen habe, und Hinweise auf Downloads von e-Books. Da ein Blog durch Kommentare am Leben gehalten wird, würde ich mich sehr freuen, wenn Ihr diese Funktion fleißig nutzt.

Freitag, 23. Dezember 2016

"Wunder der Weihnacht" von Elisabeth Mittelstädt (Hrsg.)

Weihnachten ist mehr ...

... als Geschenke kaufen, Glühwein trinken, Plätzchenbackorgien und weihnachtlich ein durchgestyltes Zuhause. Das Buch "Wunder der Weihnacht" vereint wahre Geschichten einer Vielzahl christlicher Autoren. In fünf Kapiteln, geordnet nach Themen wie "Weihnachtswunder", "Schutzengel unterwegs" oder "Königliche Geschenke" erfahren wir, was andere Menschen um Weihnachten herum erlebt haben. Die Geschichten lassen uns zur Besinnung kommen, denn jede zeigt auf ihre Weise, worum es Weihnachten wirklich geht: Christi Geburt und Gottes Liebe zu den Menschen, die wir mit unseren Mitmenschen teilen dürfen. 

Viele der Geschichten erfüllten mich mit Dankbarkeit, weil sie mir auch bewusst werden ließen, wie gut es mir / uns doch geht. Wir sind nicht auf der Flucht, haben ein schönes Haus, liebe Menschen um uns herum. genug zu Essen ... Wenn die einzige "Sorge" ist, was ich Tante Erna zu Weihnachten schenken soll, und ob der Weihnachtsbraten gelingt, dann haben wir wirklich keinen Grund zum Klagen. Aber die Geschichten zeigen noch mehr. Selbst nach dem Verlust eines geliebten Menschen oder in anderen schwierigen, traurigen Lebenssituationen ist Weihnachten eine Zeit, die Hoffnung gibt. Und Teilen macht glücklich.

Das Buch trägt den Untertitel "Wahre Geschichten" und dadurch hat es meine Erwartungen nur teilweise erfüllt. Etwa ein Viertel oder mehr der vermeintlichen Geschichten sind fromme Gedanken, teils mit zahlreichen Verweisen auf Bibelstellen. Wer dies mag und sucht, wird daran seine Freude haben. Mir haben diese Seiten nicht so gefallen, darum ein Stern Abzug. 

Insgesamt ist "Wunder der Weihnacht" ein Buch, das sehr gut geeignet ist, echte Weihnachtsstimmung aufkommen zu lassen. Die Geschichten sind kurz bist ganz kurz (ca. 40 auf knapp 200 Seiten) und lassen sich gut in ein paar ruhigen Minuten lesen oder vorlesen. 


Fazit: Lesetipp für die Vorweihnachtszeit. 4****

"Wunder der Weihnacht" ist als Hardcover im Lydia Verlag (Gerti Medien) erschienen, hat 208 Seiten und kostet 12,99 Euro. Eine E-Book-Ausgasbe gibt es bisher nicht. 



Donnerstag, 22. Dezember 2016

"Dornröschen hatte es leichter" von Vanessa Mansini

Hermine ist 17, verliebt, steht kurz vor dem Abitur und malt sich ihr Leben mit Jan in wundervollen Farben aus. Gefühlt ein paar Tag später wacht sie im Krankenhaus auf, denn sie hatte einen Unfall mit ihrer Vespa. Was Hermine erst nach und nach bewusst wird: Es sind nicht nur einige Tage vergangen, sondern sie lag 20 Jahre im Koma! Nun erwacht sie als 37-jährige Frau, die von Internet und Smartphones keine Ahnung hat, ihre große Liebe ist mit ihrer ehemals besten Freundin verheiratet und ihre Mutter sieht aus wie ihre Oma. Ein sehr interessanter Ansatz, unsere heutige Welt mit den Augen einer 17-jährigen aus dem Jahr 1996 zu betrachten, denn innerlich ist Hermine noch der Teenager von damals mit all den Wünschen und Hoffnungen.

Aber genau an dieser Stelle wurde das Buch für mich ein bisschen unglaubwürdig. Hermine reagiert einfach viel zu cool. Zu Anfang will sie zwar nicht wahrhaben, was passiert ist, aber dann versucht sie ganz fix, das Beste daraus zu machen. Ernsthaft? Welches Mädchen von 17 würde mal eben mit den Schultern zucken 'Okay, bin ich halt 37 und muss sehen. wie ich klarkomm'? Für 17-jährige ist 37 uralt. Erst recht für weibliche 17-jährige. Jeder Blick in den Spiegel müsste Schreiattacken auslösen. Für Hermine gibt es nur zwei Ziele: 1. Weg von ihren Eltern, die sich 17 plus 20 Jahre lang um sie gekümmert haben und 2. Ein Mann zum Heiraten und Kinderkriegen muss her, da Jan diese Pläne ja bereits mit einer anderen verwirklicht hat. Dabei stolpert Hermine mit ihrer Teenie-Naivität in viele große und kleine Fettnäpfchen, findet sich mit Hilfe ihrer neuen Freundin Lucy aber erstaunlich schnell in der für sie neuen Welt zurecht. Plötzlich erweist sich ihr wahres Alter von 37 sogar als Vorteil, denn so kommt sie in die angesagten Berliner Clubs rein. Schön wär's ...

Priorität hat für Hermine eindeutig die Suche nach einem Mann. Alle anderen Ziele, die sie als "eben noch" 17-Jährige hatte (Reisen, Studium, toller Job) stellt sie hintenan. Hier fragte ich mich ernsthaft, ob das so ist, weil ein Mann das Buch geschrieben hat. Die im Chick-lit üblichen Verwicklungen kamen mit einer überschaubaren Anzahl an Personen aus, das empfand ich als angenehm. In der zweiten Hälfte des Buches bewegte sich die Handlung dicht an der Grenze zum Klamauk. Es tauchen immer wieder neue Tatsachen und Zusammenhänge auf, von denen Hermine bisher keine Ahnung hatte, um die Geschichte letztendlich doch zu einem guten Ende zu bringen.


Fazit: Sehr interessante Grundidee, aus der man mehr hätte machen können. Unterhaltsame Lektüre, aber kein bleibender Eindruck. 3***
Das Taschenbuch hat 364 Seiten und kostet 9,90 Euro. Das E-Book ist für 3,99 Euro erhältlich.


Montag, 12. Dezember 2016

"Schmerzflimmern" von Marc Kemper

Gregor ist Rettungssanitäter mit einer besonderen Gabe: Sobald er einen Menschen berührt, bleibt scheinbar für alle anderen die Zeit stehen, nur Gregor findet sich in der Zukunft wieder. Und zwar exakt zum Zeitpunkt des Sterbens dieses Menschen. Das klingt abgefahren und ist in der Praxis auch so. Man stelle sich nur vor, beim Sex mit jemandem ständig diese Bilder vor Augen zu haben ...

Das Buch beginnt mit Gregors Versuch, beim Speed-Dating eine passende Partnerin zu finden. Da die Damen dort recht offensiv vorgehen, dürfen wir mit ihm gleich mehrfach Zeugen ungewöhnlicher Tode werden. Viel schwarzer Humor und doch ist in diesem Buch noch mehr. Marc Kemper vermittelt eine leicht sarkastische Sicht auf das Sterben, das für jeden von uns unausweichlich ist. Richtig emotional wird es, als wir Gregor nahestehende Personen kennenlernen. Und all die Gedanken des Helden sind einfach herrlich, mitten aus dem Leben gegriffen, wunderbar formuliert und philosophisch angehaucht. Das Buch liest sich trotzdem oder genau deshalb mit einer verblüffenden Leichtigkeit. Gregor denkt, was irgendwo in unseren Köpfen auch umher spukt. Er tritt selbstsicher auf, hat immer einen coolen Spruch auf den Lippen und ist doch tief im Inneren voller Selbstzweifel. 

Mir hat das Buch sehr gut gefallen. Die Grundidee ist für mich wirklich neu und klasse beschrieben. Zwischen den Zeilen verbergen sich unzählige kleine Schätze: Zitate aus der Film- und Musikwelt, Gregors Sprüche und Gedanken, die ich mir teilweise wegen ihrer Treffsicherheit markiert habe, eine kunstvolle Verknüpfung von Personen und Handlungssträngen zu EINER Handlung und nicht zuletzt ein Ende, das glücklich macht, ohne kitschig zu wirken. 
Bei Marc Kempers Toden ist es wie im Leben: Nicht immer geht es gerecht zu, aber manchmal passiert den richtigen Leuten genau das, was sie verdient haben. Und für die Meisten von uns scheint es immer noch eine Chance zu geben, selbst aktiv zu werden, und alles zum Guten zu wenden. So kann ein schwarzhumoriges Buch mit vielen Toden sehr wohl Lust auf das Leben machen. 


Fazit: Genial! Absolute Leseempfehlung. 5*****

Das Taschenbuch hat 176 Seiten und kostet 9,99 Euro. Das E-Book ist für 6,99 Euro erhältlich. 

Dienstag, 6. Dezember 2016

"Hasen feiern kein Weihnachten" von Anne Blum

Weihnachten mit Christbaum, Kitsch und Bratapfel? Oder lieber unter asiatischer Sonne mit Cocktail am Pool? Tessa und Ole würden diese Frage völlig gegensätzlich beantworten. Trotzdem stünde auch dieses Jahr wieder die gemeinsame Flucht nach Ko Samui an. Hätte nicht drei Tage vor Weihnachten Tessa Ole beim Fremdgehen ertappt. So schießt sie den Untreuen zumindest vorläufig in den Wind und reist allein nach Kappeln zu ihren Eltern, Geschwistern, Bratäpfeln, Lametta und Weihnachtslieder singenden Gartenzwergen. 

Auf den ersten Blick ist "Hasen feiern kein Weihnachten" ein lustiges Buch um eine etwas spießige Familie, die sämtliche Weihnachtsbräuche auf die Spitze treibt und voll auslebt. Dann kommen die kleinen Aha-Momente, etwa als Tessa den Flur im Haus ihrer Eltern betritt und Spießigkeit auch jahrelange Vertrautheit und Geborgenheit bedeutet. Die Geschichte lebt von ihren liebenswert chaotischen Figuren, die unter der manchmal unfreiwillig komischen Hülle ihre Verletzlichkeit verbergen. In wenigen Szenen dürfen sie diese zeigen und werden dadurch noch lebensechter und liebenswerter. Natürlich wirkt manches satirisch überspitzt, aber wer sich beispielsweise über die fast schon aggressive Hartnäckigkeit wundert, mit der Tessa wiederholt nach Ehemann und Kinderzahl gefragt wird, ist wohl nicht auf dem Dorf oder in der Kleinstadt groß geworden. 

Das Buch zaubert ganz viel weihnachtliche Atmosphäre herbei und eignet sich perfekt als gefühl- und humorvolle Einstimmung auf die Feiertage. Natürlich werden Klischees bedient. Ohne scheint es im Genre nicht zu gehen. Das Ende war für mich bereits im ersten Drittel des Buches vorhersehbar und musste in der Kürze der Zeit von Tessas Weihnachsturlaub herbeigeführt werden. Trotzdem hat die Autorin ein paar Wendungen und Überraschungen eingebaut, sowohl, was die Handlung angeht, als auch die Schubladen, in die der Leser die Figuren gesteckt haben mag. Vielleicht spüren ja sogar bekennende Weihnachtshasser bei der Lektüre eine Art Wehmut und Sehnsucht nach der Zeit, als Weihnachten noch voller Geheimnisse war. Dann lasst Euch doch einfach verzaubern, denn dieses Buch wärmt nicht nur das Herz, sondern auch die Erinnerung an das  Weihnachten der Kinderzeit. 

Warum feiern Hasen denn nun kein Weihnachten? Diese Frage wird im Buch beantwortet ...

Fazit: Als »Bratapfel für die Seele« sehr zu empfehlen. 4****

Das Taschenbuch hat 240 Seiten, ist im Berlin Verlag Taschenbuch erschienen und kostet 9 Euro. Das E-Book ist für 7,99 Euro erhältlich. 




Freitag, 2. Dezember 2016

"Friesenherzen und Winterzauber" von Tanja Janz

Dieser Roman weckte mein Interesse durch das wirklich bezaubernde Cover. Eine Liebesgeschichte in winterlicher Gemütlichkeit an der Nordsee, das schien genau der Lesestoff für kuschelige Abende auf der Couch zu sein. 

Ellen, die Heldin der Geschichte, ist eine erfolgreiche Krimiautorin, die vom Verlag gebeten wird, einen Liebesroman zu schreiben. Zur Inspiration und auch, um sich über ihre Beziehung zu Laurits klar zu werden, fährt sie nach St. Peter-Ording, wo ihre Mutter und deren beste Freundin kuren. In der Teeladenbesitzerin Martina findet Ellen sofort eine neue Freundin, einem verwitterten alten Briefkasten am Leuchtturm vertraut sie als "Silbermöwe" ihre aufgeschriebenen Gedanken an und erhält tatsächlich Antwort vom geheimnisvollen "Leuchtturmwärter". Das alles klingt sehr romantisch und trotzdem konnte mich die Geschichte nicht packen. 

Zunächst einmal ist da Ellen, mit der ich nicht warm wurde. Die Mittdreißigerin erinnerte mich in ihren Gedankengängen, die sie ständig wiederholen durfte, eher an einen unreifen Teenager. Kaum sieht ein Mann halbwegs gut aus, spielt sie im Geiste durch, ob er als potentieller Partner in Frage kommt und überlegt, wie sie am besten an ihn herankommt. Dabei ist ihre Beziehung zu Laurits noch gar nicht beendet, sie selbst hat sich nur eine Auszeit genommen, nachdem sie Laurits ziemlich überfallen hatte und er nicht gleich Hurra schrie. So passen für mich Ellens Gedanken und ihre Zeilen, die sie dem Leuchtturmwärter schreibt, überhaupt nicht zusammen. 

Dass die Geschichte in der Adventszeit spielt, erfahren wir erst nach etlichen Seiten und eher nebenbei. Viel verschenkte Atmosphäre, finde ich. Das vom Cover des Buches verheißene kuschelige Wohlgefühl konnte ich beim Lesen nicht finden. Das Happy End kam viel zu konstruiert und unlogisch daher. Es wiederholten sich nicht nur ständig Ellens Gedanken, auch die Wortwahl ist recht einfach und voller Wiederholungen. Wenn bei dem nächtlichen Unfall das Wort "Schneewehe" noch einmal mehr aufgetaucht wäre, hätte ich wahrscheinlich laut geschrien. Fehlende Logik fiel mir mehrfach auf: Wer jedes Jahr nach St. Peter kommt, weiß nicht, wo man hier gut frühstücken kann? Wie können Kunden "jedes Jahr" zur  Weihnachtszeit die gleichen Fragen stellen und die Besitzerin daraus "irgendwann" Schlussfolgerungen ziehen, wenn es den Laden erst seit eineinhalb Jahren gibt? Und ein ansonsten ungenutzter Raum oben im alten Leuchtturm müsste bei einem Schneesturm doch Minusgrade haben, oder? usw.

Es gab auch Stellen, die mir sehr gut gefallen haben, wo das mögliche, aber verschenkte, Potential dieses Buches sichtbar wurde. So zum Beispiel bei der ersten Beschreibung des Teeladens, oder als der Buchhändler begeistert von seiner Arbeit spricht und auch das Labskausessen. 

Fazit: Das Buch hält leider nicht, was das Cover verspricht. 3***

Das Taschenbuch aus dem MIRA-Taschenbuch-Verlag hat 304 Seiten und kostet 9,99 Euro. Das E-Book ist zum selben Preis erhältlich. 




Freitag, 25. November 2016

"13" von Colin Grzanna

Colin Grzanna ist Arzt und schreibt aus seiner Sicht über unser Gesundheitssystem. Dass hier seit Jahren etwas falsch läuft, haben wir selbst schon geahnt - der Autor bestätigt es. Krankenhäuser müssen mit immer weniger Personal kostengünstig arbeiten. Da gibt es Operationen die "lohnen" und andere, die in ambulante Zentren ausgelagert  werden. Die Rettungsstellen der Krankenhäuser sind überlaufen, weil niedergelassene Fachärzte erst Termine in Wochen oder Monaten anbieten. Ärzte und Pflegemitarbeiter sind permanent überlastet und arbeiten doch am Menschen, wo Fehler tödlich sein können. Dazu kommen Patienten, die alle Verantwortung für ihre Gesundheit abgeben, die Ärzte und Medikamente werden's schon richten. 

Gefallen hat mir die sehr persönliche Sicht- und Erzählweise des Autors. Wir erleben mit, wie er als Medizinstudent und junger Arzt nach und nach Illusionen verliert und trotzdem sein Bestes geben will. Wie er dabei selbst krank wird und einen Ausweg sucht. Seine an Begeisterung grenzende Überzeugung, dass jeder Einzelne etwas tun kann, damit unsere Gesellschaft und speziell unser Gesundheitssystem besser funktionieren, wirken ansteckend. Dieses visionäre, Wege aufzeigende Denken gefällt mir. Colin Grzanna malt das Bild einer Gesellschaft, in der wir alle gesünder und zufriedener leben könnten. Dieses Bild wäre Utopie, gäbe er nicht auch gleich die Lösung mit auf den Weg: Verantwortung übernehmen, für uns selbst, für unsere Mitmenschen. Wir müssen einfach nur genauer hinschauen, nicht aufs Smartphone, sondern auf unseren Körper und die Signale, die er uns gibt. 

An vielen Stellen fühlte ich mich ertappt. Wir empfinden heute Dinge und Verhaltensweisen als normal, die vor Jahren als unhöflich galten und Verständnislosigkeit hervorgerufen hätten, wie beispielsweise in Gegenwart Anderer am Smartphone zu spielen oder zu schreiben, in öffentlichen Räumen oder Verkehrsmittel laut zu telefonieren, bei Facebook, Instagram & Co. den "Likes" hinterherzujagen und damit unser Selbstwertgefühl zu steigern, u.ä. 

Der Autor will mit seinem Buch sehr viel: 
- Die wunden Punkte unseres Gesundheitssystems aufzeigen, 
- Die Vorgänge in unserem Körper verständlich machen,
- Unser Selbst-Bewusstsein aktivieren,
- Wege zeigen, wie jeder Einzelne gesünder leben kann,
- Zu mehr Achtsamkeit gegenüber unseren Mitmenschen aufrufen.

Vom Inhalt und von der Aussage her finde ich das Werk genial! Man spürt immer wieder, wie sehr dem Autor das Thema am Herzen liegt und wie er hofft, Andere dazu zu bewegen, den ersten Schritt in ein gesünderes Leben zu gehen. Und den zweiten, und den dritten ...
An manchen Stellen geht es sehr ins Detail, was die körperlichen Zusammenhänge angeht. Spannend, aber manchem Leser vielleicht zu lang. Viele Aussagen werden mehrfach wiederholt, es wirkt fast wie gepredigt. 

Wenn das Buch möglichst viele Menschen erreichen und zum Umdenken bewegen soll, täten ihm drei Dinge gut:

1. Kürzen
2. Ein Lektorat
3. Ein anderes Cover

Ich mag wie ein Erbsenzähler daherkommen, aber es gibt jede Menge Stellen, die unprofessionell wirken: "Sie" als Anrede wird nun mal großgeschrieben, Kommafehler, Schusterjungen und Hurenkinder - sehr unschön z.B. bei den Tabellen auf S. 271 bis 273, wo Tabellenkopf und Inhalt nicht auf derselben Seite stehen - u.ä.
Das Cover spiegelt zwar kurz zusammengefasst den Inhalt des Buches wieder. Aber das ist nicht die Aufgabe eines Covers. Es soll Neugierde wecken und potentielle Leser ansprechen. Der Titel erklärt sich erst auf der letzten Seite. Ich hätte hinter dem Cover einen Jugendroman, eventuell sogar ein Comic oder Manga vermutet. Was nützt ein geniales Buch, wenn das Cover die Zielgruppe nicht anspricht? Wer von meinen Bloglesern würde im Buchladen nach diesem Buch greifen und warum?

Nur für diese drei Kritikpunkte, nicht für den Inhalt, ziehe ich einen Stern ab. 
Für mich persönlich war das Buch teilweise wie ein Tritt in den Hintern. Ich versuche seit Jahren, gesünder zu leben, aber immer wieder inkonsequent, vor allem, was die Ernährung und die virtuelle Welt angeht. 

Fazit: 4**** und unbedingte Leseempfehlung für jeden, der gesund alt werden und zufrieden leben möchte. 

"13" ist als Taschenbuch mit 332 Seiten bei Book on Demand erschienen und kostet 13 Euro. Das E-Book ist für 9,99 Euro erhältlich.


Donnerstag, 17. November 2016

"Ins Glück gebloggt" von Gabriela Kasperski

Ninas Leben zu Beginn der Geschichte ist typisch für viele Nur-Hausfrauen: Ihr Lebensinhalt besteht darin, die Kinder zu kutschieren, Essen zu kochen, das Haus in Ordnung zu halten usw. Max, Ninas Mann, ist erfolgreicher Inhaber einer Werbeagentur und verdient das Geld für die Familie. Als Max eine dreimonatige Auszeit von September bis Weihnachten fordert, um Abstand von allem zu gewinnen, ist Nina zunächst sehr überrascht. Doch dann will sie das Beste daraus machen, ganz nach "braver Hausfrauen-Art", beginnt sie bereits im September, das perfekte Weihnachtsfest vorzubereiten. Auf typische Nina-Art lässt sie dabei kein Fettnäpfchen aus. Außerdem kommt sie nach und nach dahinter, dass Max ihr nicht die Wahrheit gesagt hat. Zum Glück hat sie gerade ein paar alte Schulfreundinnen wiedergetroffen und entdeckt plötzlich ganz neue Ziele und Fähigkeiten ...

Ninas Leben wird zwar satirisch überspitzt dargestellt, doch verbirgt sich unter all dem Humor ein sehr realer Kern. Ninas bezog ihr Selbstbewusstsein jahrelang einzig daraus, sich für Mann und Kinder aufzuopfern. Nun gehen die Teenager eigenen Wege, der Mann ist bei seiner Auszeit und Nina zweifelt an sich. Was so traurig klingt, wurde von der Autorin wunderbar lustig beschrieben. Wir stolpern mit Nina von einer kleinen Katastrophe in die nächste. Aber je näher Nina der Wahrheit über Max kommt, desto mehr Eigeninitiative entwickelt sie. Und am Ende kommt alles ganz anders ...

Die Geschichte spielt zwar in der Schweiz, gilt aber für Deutschland ebenso. Wie viele Frauen opfern sich hier jahrelang auf, kümmern sich nur um Mann und Kinder, stellen ihre eigene Karriere zurück. Und dann - Kinder aus dem Gröbsten raus, der Mann sucht sich eine neue, jüngere und schlankere Frau. Und die Ehefrau steht da - hat nix und kann nix. Glaubt sie zumindest. Denn in JEDER schlummern Talente. Mir hat gefallen, dass ein ernstes und irgendwie auch trauriges Thema mit so viel Humor betrachtet wird. Statt einer Jammergruppe beizutreten und alle Männer zu verfluchen, findet Nina mit Hilfe ihrer Freundinnen ihren ganz eigenen Weg. Die komischen Szenen gaben größtenteils herrliches Kopfkino, aber zum Ende hin wurde es mir dann doch etwas zu übertrieben. 

Fazit: Ein wunderbar leichtes und lustiges Buch. Perfekt für graue Schmuddelwettertage auf der Couch. 4****

Das Taschenbuch aus dem Verlag Storybakery hat 236 Seiten und kostet 10,99 Euro. Das E-Book ist für 8,99 Euro erhältlich. 




Dienstag, 15. November 2016

"Friedhof der Badeenten" von Hugo B. Lauenthal

Die Idee ist nicht neu. Schon meine Kinder hatten, als sie ganz klein waren, sogenannte "Sabbel-Bücher", die sie mit Hand und Mund erforschen und mit in die Badewanne nehmen durften. Statt Bildern von Frosch, Ente und Ball finden wir in diesem Wannenbuch für Erwachsene eng gedruckte Zeilen einer kriminellen Geschichte. 
So ein wasserunempfindliches Buch mit in die Wanne zu nehmen, hat schon was. Man muss keine Angst haben, dass die Seiten sich wellen oder das Buch sonst irgendeinen bleibenden Schaden nimmt. 
Als witziges Geschenk für jemanden, der gern badet oder sich gerade eine neue Badewanne gegönnt hat, ist das Buch prima geeignet. 

Aber: Die Qualität, zumindest meines Büchleins, ist nicht so besonders. Die Seiten liegen nicht glatt aufeinander, das Buch ist in sich verzogen, und stur bleibt es in dieser schiefen Position. Dadurch bedingt bleibt das Büchlein auch nicht stehen, wenn man es hinstellt. Und dabei passt es farblich so hervorragend zu unseren neuen Fliesen und wäre als Bad-Deko bestens geeignet! Das Material ist weicher Kunststoff, der nach dem Auspacken sehr chemisch roch. Was da wohl alles ausdünstet? Das passt nicht wirklich zu einem gesunden Wannenbad mit rein natürlichen Badezusätzen. Die Schrift ist so klein, dass manch einer sich gezwungen sehen wird, die Lesebrille mit in die Badewanne zu nehmen. Will man das? Und schließlich der Krimi. Sehr kurz, was bei 8 Seiten abzüglich Cover und Rückseite = 6 Seiten natürlich zu erwarten war. 15 Minuten braucht man dafür vielleicht, wenn man die Geschichte jemandem langsam und deutlich vorliest, sonst sind weit weniger als 10 Minuten. Bevor es überhaupt spannend werden kann, ist der Krimi schon wieder vorbei. "Friedhof der Badeenten" ist meiner Meinung nach eine Anspielung auf Steven Kings "Friedhof der Kuscheltiere". Klingt gut und irgendwie auch witzig. Warum also nicht ein anderes Genre für so ein Wannenbuch? Etwas Humorvolles vielleicht, z.B. Zungenbrecher, die man in der Wanne üben kann oder witzige Gedichte oder Lieder. 

Fazit: Schöne Idee, nettes Geschenk, aber verbesserungswürdig. 3***

Das Büchlein aus dem Verlag Edition Wannenbuch hat 8 Seiten und kostet 4,99 Euro.


Montag, 14. November 2016

"Realitätsgewitter" von Julia Zange

"Realitätsgewitter" hatte mich gleich in mehrfacher Hinsicht angesprochen und neugierig gemacht. Autorin Julia Zange wird als Multitalent und junge Deutsche Stimme hochgelobt. Der Aufbauverlag spricht für Qualität. Selbstfindung ist ein interessantes Thema. Und nicht zuletzt ist eine coole schwarze Katze auf dem Cover. Das waren also die Gründe, warum ich dieses Buch lesen wollte. 

Das Buch wirkt hochwertig mit Hardcover und Schutzumschlag. Die Schrift hat eine angenehme Größe. Allerdings bedeutet das auch, dass auf 150 Seiten nicht allzu viel Text unterzubringen ist. Kein Schmöker für stundenlanges Lesen also, worüber ich am Ende sehr froh war. 

Marla, aus der Ich-Perspektive erzählende Protagonistin der Geschichte, ist Anfang 20 und lebt in Berlin. Sie bekommt jeden Monat Geld von ihrem Vater überwiesen und schnorrt sich gern auf Partys durch. Ihre Gedanken sind voller Melancholie, sie ist ständig auf der Suche nach jemandem, der sie in den Arm nimmt. Die für mich lebendige und bunte Stadt Berlin wirkt, mit Marlas Augen betrachtet, trist und grau. Das ist nicht mein Berlin! Die ständige Vernetzung und Erreichbarkeit über Facebook, WhatsApp & Co. verstärken Marlas Einsamkeit noch. Diesen Punkt kann ich sogar nachvollziehen. Was nützen tausend und mehr Facebookfreunde, wenn niemand davon ein wirklicher Freund ist? Trotzdem geht auch dieser bedenkliche Aspekt der Social-Media-Kultur in Marlas Jammerei unter. Der Vater überweit ihr kein Geld mehr - und sie fühlt sich am Ende, weil sie arbeiten muss! Irgendwann wünschte ich mir, der dauertraurigen Göre ins Gesicht schreien zu können: "Such Dir doch endlich einen stinknormalen Job, dann findest Du vielleicht sogar reale Freunde!" Aber für Marla muss alles irgendwie hipp sein, auch wenn sie dadurch nicht froh wird. Sie schreibt dann notgedrungen für ein Magazin über Mode und Promis, obwohl sie beides nicht interessiert. 

Die Fahrt in ihr Heimatdorf und die Begegnung mit ihren Eltern lassen erahnen, dass Marla schon immer "so" war und die Eltern daran nicht unschuldig sind. Aber auch hier verpufft aufkommende Spannung wieder. Ich fühlte mich mehr und mehr gelangweilt von Maras tristen Gedanken und las das Buch schließlich nur zu Ende, weil es so dünn war. Einhundert Seiten mehr und ich hätte abgebrochen. Die ganze Geschichte wirkt auf mich ähnlich verkrampft wie Marla - beide bemühen sich, trendy zu sein. Der Sprachstil Julia Zanges gefällt mir sogar. Die englischen Dialogfetzen wirken authentisch für Berlin und seine Internationalität. Aber warum müssen Marla ständig irgendwelche Szenekünstler über den Weg laufen? Nur damit sie denken kann, wie egal ihr diese sind? In einem Nebensatz taucht tatsächlich ein alter grauer Kater auf - trotzdem finde ich es fast schon gemein, mit der schwarzen Katze auf dem Cover falsche Erwartungen zu wecken. 

Fazit: Schade um die Zeit. Knappe 2**

Das Buch ist als Hardcover mit Schutzumschlag im Aufbau Verlag erschienen, hat 157 Seiten und kostet 17,95 Euro. Das E-Book ist für 12,99 Euro erhältlich. 




Mittwoch, 9. November 2016

"Der König der Schweine" von Manfred Rebhandl

Kitty Muhr ist (k)eine Traumfrau. Sie flucht, betrinkt sich in ihrer Lieblingskneipe und wirft ihrem Chef Respektlosigkeiten an den Kopf. Irgendwie scheint sie der Meinung zu sein, auf diese Weise in der harten, von Männern dominierten Welt, und im Polizeialltag bestehen zu können. Ihr neuer Kollege Ali, ein kleinwüchsiger Kurde, bekommt Kittys emotionale Unausgeglichenheit immer wieder schmerzhaft zu spüren, während die Beiden gemeinsam eine Mordserie an schwarzen Jugendlichen aufklären sollen.
Ich fand relativ schwer Zugang zu Kitty, sie ist mir einfach zu widersprüchlich. Trotz der oben beschriebenen Schroffheit sucht sie eigentlich nur einen Mann, behandelt aber die Männer in ihrem Umfeld, als wären sie Dreck. Einzig Johnny, der Barkeeper, wird von ihr angeschmachtet. Und über ihre angeblich beste Freundin lästert sie gedanklich nur ab. Kittys Kollege Ali ist für mich die einzige sympathische Figur des Buches. Wie er Kitty erträgt, ihr Paroli bietet, das ist wahre Größe. Hier liegt für mich auf das größte Potential der Kitty Muhr Serie (ich hoffe doch, es folgen weitere Teile!) Mit Ali und Kitty hat Manfred Rebhandl zwei unverwechselbare Figuren geschaffen, zwischen denen eine permanente Spannung herrscht. 
Der Autor spielt mit jeder Menge Klischees und Vorurteilen - gegenüber Flüchtlingen, Migranten, kleinen Männern, unterbügelten Frauen ... Dem Leser wird ein Spiegel vorgehalten, denn manche der von den Figuren laut ausgesprochenen abfälligen Bemerkungen hat man zumindest schon selbst gedacht. An vielen Stellen überspitzt Rebhandl so herrlich, dass ich breit grinsen musste. An einer Stelle allerdings blieb mir das Lachen im Halse stecken - als der wahre Grund des Einsatzes der Frauen für die Flüchtlinge ans Licht kam. Das geht meiner Meinung nach zu weit und unterstellt zumindest unterschwellig unzähligen engagierten Frauen niedere Motive. 

Humor, Flüchtlinge, ...da war doch noch etwas? Ach ja, das Buch ist ein Krimi. Tatsächlich ermitteln Kitty und Ali auch ein bisschen. Aber die Aufklärung des Mordes scheint eher nebensächlich und dient meiner Meinung nach hauptsächlich als Kulisse, um die lustigen Einfälle des Autors in Szene zu setzen. Das finde ich schade, denn beim Leser weckt das Wort Krimi auf  dem Einband Erwartungen, die aus meiner Sicht nur teilweise erfüllt wurden.  Auch die auf dem Cover abgebildete tote junge Frau hat nichts mit der Story zu tun. Warum ist sie dann drauf? 

Fazit: 3*** und neugieriges Warten auf die hoffentlich folgenden weiteren KRIMIS mit Kitty und Ali.

Das Taschenbuch ist im Haymon-Verlag erschienen, hat 280 Seiten und kostet 12,95 Euro. Das E-Book kostet 9,99 Euro. 


Dienstag, 8. November 2016

"Kontrolle. Macht. Tod." von Klaus Schuker

Der Autor des Buches war Polizeibeamter, bevor er sich ganz dem Schreiben widmete. Er weiß also, wovon er schreibt, wenn es um polizeiliche Ermittlungsarbeit geht. Das ist sicher ein Vorteil, wenn man es mit einem Täter zu tun hat, der Frauen entführt, um sie unter seine Kontrolle zu bringen, wie wir im ersten Kapitel erfahren. Trotzdem ist die Hauptfigur dieses Thrillers kein Polizist, sondern der 54-jährige Privatdetektiv Molden, der das Klischee vom einsamen Schnüffler voll auslebt. Wäre da nicht Greta, die im wahrsten Sinne des Wortes in sein Leben stolpert. Was die junge, schöne Frau an dem wortkargen, fast doppelt so alten, unattraktiven Eigenbrötler findet, habe ich bis zum Schluss des Buches nicht begriffen. 

Das Buch ist in einer sehr einfachen, sachlichen, teilweise etwas hölzernen Sprache geschrieben und erinnert ein wenig an Polizeiprotokolle. Viele Dialoge lockern die solide konstruierte Story glücklicherweise  auf, wirken aber auch manchmal etwas steif und nicht aus dem Leben gegriffen. Als geübtem Krimileser war mir recht schnell klar, wer hinter den Entführungen und Morden stecken muss, das Motiv war unübersehbar. Verwirrend fand ich die Einteilung der Kapitel in Tag 1, 2 usw., da diese Lücken enthielten und ganze Tage nicht mitgezählt wurden. Alles in allem erweckte das Buch bei mir zu Beginn Erwartungen, die nicht ganz erfüllt wurden. Die Story flachte ab, auch wenn es am Ende noch zum gefährlichen Show Down kam. 

Ich würde das Buch eher ins Genre Krimi einordnen, da er fast ausschließlich von der Ermittlungsarbeit Moldens berichtet - bis auf kurzen Schwenks auf die Entführungen / Morde. Für einen Thriller fehlt mir die psychologische Tiefe. 

Sehr positiv fiel mir die optische Gestaltung des Buches auf. Das Cover, der Titel und die roten Schnittkanten der Seiten mit den abgerundeten Ecken - so ein Buch nimmt man gern in die Hand, da hat der Fabulus-Verlag gute Arbeit geleistet. Um so erschrockener war ich, gleich auf der ersten Seite (S. 7) über einen schwerwiegenden Grammatikfehler zu stolpern: "...trug Jeans ... mit einer zu kurz geratener schwarzer Lederjacke darüber." Zum Glück blieb dies der einzige dicke Stolperstein, was die Sprache anging. 

Fazit: Ein Krimi, den man gut zwischendurch wegschmökern kann 3***

Das Taschenbuch hat 271 Seiten, ist im Fabulus-Verlag erschienen und kostet 16,95 Euro. Eine E-Book-Ausgabe gibt es bisher nicht. 




"Die Schnitzel-Jagd" - Ein Wien-Krimi von Carine Bernard

Carine Bernards dritten Cosy-Krimi um die clevere und schöne Ermittlerin Molly Preston musste ich natürlich lesen, nachdem mir "Lavendel-Coup" und "Schaf-Komplott" bereits gut gefallen hatten. Bei diesem Teil finde ich das Cover besonders gelungen. Schnitzel-Jagd in der Stadt des Wiener Schnitzels und dann vor so einem schaurig schönen Hintergrund. Wenn man sich dann noch bewusst mach, dass Schnitzeljagd ein Synonym für das abenteuerliche Hobby Geocachen ist, mit dem auch Molly Preston wieder in Berührung kommt, dann sind Titel und Cover sehr passend gewählt. 

Ich teile die Begeisterung der Autorin fürs Geocachen und suche in ihren Krimis nicht nur die Spannung, sondern lerne auch gern daraus, wie man knifflige Rätsel-Caches löst. Allerdings glaube ich, dass für Leser, die nicht demselben Hobby nachgehen, die (technische) Ausführlichkeit der Ermittlungen vielleicht zu weit gehen könnte. Kritik an Carine Bernards Krimis bedeutet Jammern auf hohem Niveau. Wie seine Vorgänger ist auch "Schnitzel-Jagd" ein solide gestrickter, sprachlich ausgefeilter, logisch durchdachter und am Ende aufgelöster Krimi. Dem aufmerksamen Leser der anderen Bücher von Carine Bernard könnte aber langsam das bewährte Muster auffallen: Junge, kluge Frau wird mehr oder weniger zufällig in die Ermittlungen hineingezogen. In einer so nett beschriebenen Gegend, dass man am liebsten selbst dort Urlaub machen möchte, sind knifflige Rätsel zu lösen, um dem Mörder auf die Spur zu kommen. Zur Abwechslung und Entspannung wird zwischendurch immer wieder lecker gegessen und getrunken, sodass ich meine Lektüre schon des Öfteren für einen Gang zum Kühlschrank unterbrechen musste. Kurz vor der Lösung des Falls wird es noch einmal so richtig gefährlich für die Ermittlerin ... Falls ich mir etwas wünschen dürfte, könnte der nächste Molly Preston Krim gern mit Abweichungen von diesem Muster überraschen. Ich bin gespannt und werde Molly auf jeden Fall treu bleiben. 

Kleiner Nebeneffekt: Mit den enthaltenen Beschreibungen Wiener Sehenswürdigkeiten wurde meine Sehnsucht verstärkt, dieser schönen Stadt endlich einen Besuch abzustatten.

Fazit: Empfehlenswerter Krimi, der ohne Gemetzel und große Grausamkeiten auskommt. 4****

Das Taschenbuch ist bei KNAUR erschienen, hat 220 Seiten und kostet 12,99 Euro. Das E-Book ist für 4,99 Euro erhältlich. 



Mittwoch, 19. Oktober 2016

"Küstenbrut" von Anja Behn

Der zweite Krimi um den Kunsthistoriker Richard Gruben hat mich von Anfang an in seinen Bann gezogen. Allein schon die Tatsache, dass eine ermordete Galeristin, die Richard Gruben nicht persönlich kannte, seine Visitenkarte mit einer sehr persönlichen Nachricht von ihm in ihrem Kalender liegen hatte. Genau aus diesem Grund bittet der Polizist Bert Muslow Richard um Hilfe. Was als Flucht Richards vor eigenen privaten Problemen und kleine Gefälligkeit unter Freunden beginnt, weitet sich schnell zu einer gemeinsamen Suche nach dem Mörder der Galeristin aus. 

Ich mag es, wie Anja Behn erzählt. Viele Dialoge lassen die Geschichte lebendig wirken. Immer wieder glaubte ich beim Lesen, ein wichtiges Detail entdeckt zu haben, einen Faden in der Hand zu halten, der mich der Lösung des Falls näher bringt. Bis das nächste Detail alles noch verwirrender aussehen ließ. Erzählt wird größtenteils aus der Sicht von Richard Gruben, aber nicht nur. Dadurch hat der Leser stellenweise einen kleinen Wissensvorsprung gegenüber dem Kunsthistoriker, was die Hintergründe aber nicht durchschaubarer macht, im Gegenteil. Vieles scheint einfach nicht zusammenzupassen und die Geschichte von Seite zu Seite spannender. 

Mit dem kleinen fiktiven Ort Niederwiek an der Ostsee zaubert die Autorin reichlich frühsommerliche Ostseeatmosphäre zwischen die Zeilen. Allerdings geht es dem Leser ähnlich wie Richard - Zeit, die Idylle zu genießen, bleibt kaum, denn immer wieder tauchen neue Fragezeichen auf. Wir lernen eine überschaubare Anzahl von Personen kennen, die in ihren Eigenheiten unverwechselbar beschrieben sind. Teilweise erinnern sie mich an reale Menschen, die ich selbst dort oben an der Küste kennengelernt habe. Einige sind sehr sympathisch, Mund und Herz auf dem rechten Fleck. Anderen möchte man im wahren Leben lieber nicht begegnen. Trotzdem schafft es die Autorin, dass man auch ihnen ein gewisses Mitgefühl entgegenbringt, zumindest teilweise. 

Mehrere Personen spielen ein falsches Spiel, manche schon seit vielen Jahren. Ich finde es immer wieder erstaunlich, wozu Menschen fähig sind, wenn Gier und Feigheit die Oberhand gewinnen. Der Autorin gelingt es, am Ende alle offenen Fragen logisch zu beantworten. Na ja, fast alle. Was ist mit Johanna aus Anja Behns erstem Krimi "Stumme Wasser"? Das werden wir wohl frühestens im nächsten Küstenkrimi erfahren. 


Fazit: 5*****, Lesempfehlung und Vorfreude auf Teil 3

Das Taschenbuch ist im Emons Verlag erschienen, hat 224 Seiten und kostet 10,90 Euro. Das E-Book ist für 8,49 Euro erhältlich.




Freitag, 7. Oktober 2016

"Die Kunst, Elch-Urin frisch zu halten" von Rochus Hahn

... ich habe das Buch nach knapp der Hälfte der Seiten abgebrochen. Es war ein K(r)ampf, ein verzweifelter Versuch, mich mit der Geschichte anzufreunden. Positiv möchte ich vorwegschicken, der Autor kann schreiben! Rochus Hahn ist kein Unbekannter, das Drehbuch zu "Das Wunder von Bern" stammt von ihm, "Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken" ebenso. "Die Kunst, Elchurin frisch zu halten", liest sich streckenweise so, dass man fast glaubt, in einem Film zu sein. Kopfkino vom Feinsten, zum Beispiel bei der Beschreibung von Bullwinkels "Arschklöppeln", seiner Bude, oder der Bibliothekarin. ABER: Der Autor, Jahrgang um 1962, versucht ständig, cool, witzig, angesagt und abgefahren daher zu kommen, so wie er glaubt, dass junge Männer drauf sind, die nicht einmal halb so alt sind wie er. Stellenweise gelingt das sogar, die oben genannten Szenen und Beschreibungen haben mich sehr amüsiert. Im Großen und Ganzen ist die Story aber schon von der Idee her komplett daneben. Ganz ehrlich - welcher halbwegs intelligente, durchschnittlich aussehende 25-jährige junge Mann in Frankfurt am Main, sollte nicht in der Lage sein, ein Mädel ins Bett zu kriegen? Verzweifelte Vertreter beiderlei Geschlechts, denen das "f.ck mich" quasi auf die Stirn geschrieben steht, laufen in jeder Disco rum. Und statt 4.000 Euro auf eine Stute zu sparen oder 1.800 für einen Finnlandtrip auszugeben, kann man davon die nette Nachbarin von gegenüber, die freundliche Bäckereifachverkäuferinazubine oder die schüchterne Kollegin mal eben zum Essen einladen, hinterher in eine angesagte Bar ausführen und gucken, was sich daraus ergibt. Nee, diese Verzweiflung und die daraus resultierenden kruden Ideen nehme ich den beiden Hauptfiguren Tim und Bullwinkel nicht ab. 


Kurz gefasst haben die beiden 25-jährigen Jungfrauen durch ein wenig Prahlerei ein Date mit zwei angeblichen Stewardessen ausgemacht. Termin in 14 Tagen und sie wollen eine super Droge mitbringen, denn darauf stehen die beiden Mädels. Nach umfangreicher Recherche kommen sie auf den Urin von Elchen, die vorher psychogene Pilze gefressen haben. Dafür fliegen die beiden Jungmänner mal eben nach Finnland, um dort 1. einen Elch zu finden, 2. diese Pilze zu finden, 3. den Elch damit zu füttern, 4. ihm den Urin irgendwie abzuzapfen und 5. den »Elch-Nektar« frisch zum Date nach Frankfurt mitzubringen. So zumindest der Plan. Komplizierter geht's nicht, oder? 

Dabei wechseln die Beiden in ihrer Gemütslage immer wieder von hochmotiviert zu abgrundtief verzweifelt, bauen sich wiederholt gegenseitig auf und würzen das Ganze mit der ach so authentischen Jugendsprache. Als die Zoophilie das erste Mal von Bullwinkel angesprochen wurde, schüttelte es mich bereits. Bei Astrids Versuch, das Ganze als weniger schlimm zu rechtfertigen, als mit dem Fallschirm von Hochhäusern zu springen oder an der Börse Milliarden zu verzocken, drehte sich mir der Magen um. Alles klar, der Mini-Hengst und der Dobermann wollen ihre Frauchen f.cken, immerhin locken die mit lecker Erdnussbutter an der Mumu. 

Es gibt für mich Grenzen, und hier waren sie erreicht. Nicht witzig, Herr Hahn, denn ich bevorzuge eine andere Art von Humor. 

Fazit: 1* und lasst es lieber. 

Das Taschenbuch ist im Goldmannverlag erschienen, hat 448 Seiten und kostet 9,99 €. Das E-Book ist einen Euro billiger. 




Mittwoch, 5. Oktober 2016

"Phänomen Nahtod" von Walter Meili

Dieses Buch interessierte mich vor allem deshalb, weil es sich der wohl mystischsten Frage unseres Lebens zu nähern versucht: Was kommt nach dem Tod? Wie genau sieht DAS aus, was uns dann erwartet? Der Schweizer Autor Walter Meili geht an das Thema Nahtoderfahrungen aus der Sicht des Psychiaters heran, denn das ist sein Beruf. Zunächst analysierte er die bekanntesten dokumentierten Nahtoderfahrungen (NTE) wie zum Beispiel die von George Ritchie, Howard Storm, Betty Eadie oder des damals vierjährigen Colton Burpo. Meili suchte nach Gemeinsamkeiten, und schloss Schritt für Schritt andere, theoretisch mögliche Ursachen aus. Natürlich lassen sich NTE nicht im klassischen Sinne beweisen. Aber Georg Ritchie erinnerte sich bis ins Detail an einen Ort, an dem er vorher nie gewesen war. Colton Burpo beschrieb lange vor seiner Geburt verstorbene Verwandte, denen er während seiner NTE begegnet war. Viele Berichte beschreiben den Himmel, auch die "Lichtwesen", die sie dort erwarteten. Nicht immer war es Jesus, aber fast immer ging ein Gefühl von unendlicher, bedingungsloser Liebe von ihnen aus. Das ist für mich, im Gegensatz zu anderen Rezensenten, das Tröstende, Faszinierende an diesem Buch. Es gibt keinen richtigen und keinen falschen Gott. Du musst nicht an Jesus glauben, um ihm zu begegnen. All die Angst, die uns teilweise schon als Kindern durch Auslegung der Bibel eingejagt wurde (wer nicht getauft ist, kommt in die Hölle), ist unbegründet. Die Liebe, die uns nach dem Tod erwartet, ist so groß, dass sie uns auch dann noch anzunehmen bereit ist, egal, was wir in unserem Leben getan oder unterlassen haben. Auch wieder im Gegensatz zu anderen Rezensenten sehe ich Walter Meili diese tröstenden Aussagen durchaus mit Bibelzitaten belegen. Letztendlich hat der Autor selbst durch seine Studien des Phänomens Nahtod zum Glauben gefunden. Dabei handelt es sich um einen Glauben, der keine Angst einjagt, der nicht mit der ewigen Verdammnis droht, sondern der uns in all unserer Fehlbarkeit annimmt. Die Welt könnte voller Liebe sein, wenn wir begreifen würden, dass nicht nur ICH mit all meinen Schwächen bedingungslos geliebt werde, sondern auch ALLE meine Mitmenschen. Müsste ich dann nicht in jedem Einzelnen von ihnen auch Liebenswertes entdecken können? Kann ich jemanden hassen, der von Gott genauso geliebt wird, wie ich? Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst, bekommt eine neue, greifbare Bedeutung. Das ist für mich die zentrale Aussage dieses Buches und ich kann nachvollziehen, dass der Autor darüber zum Glauben gefunden hat. 

Vermisst habe ich in dem Buch NTE-Berichte völlig anderer Kulturen. Was ist z.B. mit den Aborigines, den Menschen auf Papua-Neuguinea oder im Senegal? Trotz seiner um Wissenschaftlichkeit bemühten Herangehensweise bleiben die NTE-Berichte, auf die der Autor sich bezieht, fast ausschließlich auf den westlichen Kulturkreis beschränkt. Das ist schade, denn gerade die Erfahrungen der Menschen, die völlig unbeeinflusst von unseren Glaubenssätzen leben, wäre interessant. 

Und man muss sich auf das Buch einlassen. Wer als großer Skeptiker ans Lesen geht, konkrete Beweise erwartet, wird vielleicht enttäuscht sein. Natürlich können wir nur glauben, was Georg Ritchie, Howard  Storm und die Anderen berichten. Auch mich beschlich kurzzeitig der Gedanke, ob jemand vielleicht Dinge (dazu-)erfunden haben könnte, um die Geschichten besser zu verkaufen. Was uns wirklich nach dem Tod erwartet, werden wir nur selbst herausfinden können, wenn es soweit ist. 

Alles in allem halte ich das Buch für sehr lesenswert. Die NTE-Berichte haben etwas Tröstendes und wir können daraus viel für unser Leben im Diesseits mitnehmen. 

Fazit: 4**** und der Wunsch, dass möglichst viele Menschen dieses Buch lesen mögen.

Das Taschenbuch aus dem SCM-Verlag (Stiftung Christliche Medien) hat 272 Seiten und kostet 15,95 €. Das E-Book ist für 11,99 € erhältlich. 





Montag, 19. September 2016

"Memox" von Peter Pakulat

Im Mai des Jahres 2018 geschehen merkwürdige Dinge. In China bebt die Erde und plötzlich steht ein riesiger Kubus mitten in der Natur. In Berlin fallen gefrorene, blutige, rechte Augäpfel vom Himmel, Bäume flimmern wie das Fernsehtestbild und die Spree scheint kurzzeitig ihre Laufrichtung zu wechseln. Der Journalist Kay Zandersen wittert die Chance auf DIE große Story und sammelt gemeinsam mit seinem chinesischen Praktikanten Wang weiter Unregelmäßigkeiten, die in diesen zwei Minuten des 21.5.2018 geschehen sind. Die Geschichte springt ins Jahr 2294 zu Nuunu, die rätselhaft bleibt. Zweihundert Jahre alt, im Körper eines zehnjährigen chinesischen Mädchens, scheint sie die Schöpferin (eines Großteils) der Welt zu sein, in der sie gefangen ist. Mit ihr, als wohl wichtigster Figur des Buches, wurde ich nicht richtig warm. Zu unnahbar, verwirrend in ihrem Denken, Reden und Tun schien sie mir. Eine schöne Metapher allerdings ist Nuunus Motiv: die Suche nach der Mutterliebe und Geborgenheit, die sie nie erlebte, da ihre Mutter bei ihrer Geburt verstarb. Beide Erzählstränge laufen zusammen, plötzlich scheint eine tiefe Logik hinter den seltsamen Ereignissen in Berlin zu stecken. Selbst für die vom Himmel gefallenen Augäpfel gibt es eine schlüssige Erklärung. Dann wird es wieder verwirrend. Die Zukunft des Jahres 2294 wird so fremd und anders gezeichnet, dass man glaubt, auf einem anderen Planeten zu sein und nicht in Berlin. Die locker eingestreuten Verweise auf vergangene "Glaubenskriege" u.ä. und die Zeittafel am Ende des Buches zeichnen ein düsteres Bild der Entwicklung unserer Welt, und schuld sind natürlich die Anderen. Die aus Afrika nach Sizilien drängen, die Türken, die Muslime ... Sorry, das geht mir entschieden zu weit. Das ist versteckte Propaganda, die in eine Richtung läuft, die ich gar nicht mag. Man hätte die Veränderung der Welt durchaus anders erklären können.

Montag, 12. September 2016

"Wie die Waschbären die Liebe retteten" von Christine von Vügt

Die Geschichte vom Olivia und Max wäre eine recht simple Liebesgeschichte ohne die Waschbären. Olivia hat sich von ihrem Exmann getrennt und wartet darauf, dass dieser ihr die Scheidungspapiere unterschreibt. Gleichzeitig sucht sie einen Käufer für den Bauernhof ihre Mutter, die vor Kurzem gestorben ist. Stattdessen (bruch-) landet Max auf der Weide vor ihrem Haus, ein Hagelflieger, der selbst gerade Einiges in seinem Leben verändern will. Und dann sind da noch die drei Waschbären, die aus Gründen, die anfangs nur ihr Anführer Bo kennt, bei Olivia einziehen. 

Gefallen hat mir besonders die Erzählung aus Sicht des Waschbären. Man merkt, dass die Autorin diese faszinierenden Tiere genau beobachtet hat. Die drei putzigen Gesellen ließen mich beim Lesen immer wieder lächeln und fast wünschte ich mir auch solche Haustiere. Aber Waschbären sind keine Haustiere und sie "denken" sicher auch nicht so, wie im Buch beschrieben. Der Grund, warum Bo die Menschennähe sucht und wie er versucht, sie nachzuahmen, ist aus meiner Sicht einfach nur albern und hat nichts mit echten Waschbären zu tun. Hier driftet die Geschichte zu sehr ins Fantastische ab. 

Ansonsten solide Unterhaltung mit Zweien, die sich verlieben, wie für einander geschaffen sind, und doch ein paar Hürden überwinden müssen. Die Figuren bleiben relativ flach, klischeehaft, es gibt gute und böse, bzw. weniger gute. Zwar wird erklärt, warum sie dies und jenes tun, aber nachvollziehen konnte ich ihre Beweggründe nicht immer. Auch dass Jonathan sich erst so spät "outet", war für mich absolut unverständlich. Trotzdem habe ich das Buch gern gelesen, weil es unterhaltsam ist und  unter all den Klischees auch ein paar versteckte Wahrheiten (Waschbärenweisheiten) enthält. Das Cover gefällt mir sehr gut. Die Sprache ist einfach zu lesen, ein schönes Buch zum Abschalten. 


Fazit: Wer Liebesgeschichten und Tiere mag, wird dieses Buch mögen. 3***

Das Taschenbuch ist im Mondavi Verlag erschienen, hat 268 Seiten und kostet 12,99 Euro. Das E-Book ist für 9,99 € erhältlich. 


"Die langen Tage von Castellamare" von Catherine Banner

"Die langen Tage von Castellamare" ist die Geschichte der Familie Esposito. Sie beginnt mit der heimlichen Abgabe des Findelkindes Amedeo im Waisenhaus von Florenz im Jahre 1875. Als Leser begleiten wir Amedeo und seine Nachkommen bis in die Gegenwart. Auf der kleinen fiktiven Mittelmeerinsel Castellamare vor der Küste Siziliens ist das Leben der Familie Esposito eng mit der Entwicklung der Insel und ihrer Bewohner und mit dem großen Weltgeschehen verbunden. Auch wenn es auf den ersten Blick scheint, als würde Castellamare so weit fort von Allem liegen, dass die Bewohner hier in ihrer jahrhundertealten Tradition immer so weiterleben, wie bisher, hinterlassen große Ereignisse auch ihre Spuren auf Castellamare. Weltkriege lassen Söhne der Insel nicht zurückkehren, spülen aber neue Figuren an den Strand der kleinen Insel und auch der technische Fortschritt findet seinen Weg nach Castellamare. Hier wird jedes Jahr das Fest der heiligen Agatha, der Schutzheiligen der Insel, begangen. Mitten in dieses Fest platzt Amedeo, der es geschafft hat, als Waisenkind Medizin zu studieren und sich nun als Arzt auf der Insel niederlässt. Mit im Gepäck hat er sein Geschichtenbuch, in das er seit seiner Kindheit Geschichten einträgt, die andere ihm erzählen und die ihn faszinieren. 

Wir erfahren in diesem Buch sehr viel über die italienische Lebensart. Auf der Insel wird geliebt und gestritten, gefeiert und getrauert, Freundschaften und Feindschaften werden über Jahrzehnte aufrecht erhalten und über allem scheint der Geist der heiligen Agatha zu schweben. Wir begleiten Amedeo, seine Kinder, Enkel und Urenkel, haben teil an ihren persönlichen Triumphen und Niederlagen. Die Familie lebt im "Haus am Rande der Nacht", einem Café, das zum Mittelpunkt der Ereignisse wird. 

Die Geschichte lebt vor allem von ihren vielen kleinen Details und liebenswerten Figuren, die alle ihre Ecken und Kanten haben. Niemand ist perfekt, aber alle haben ihre kleinen Träume und Wünsche, und in der Familie Esposito ist man bereit, viel dafür zu tun, dass diese wahr werden. Auch viele der anderen Inselbewohner habe ich im Laufe der Geschichte ins Herz geschlossen. Am Ende des Buches kam Wehmut auf, als ich das "Haus am Rande der Nacht" wieder verlassen musste.

Wer wundervoll gewobene Geschichten liebt, wird hier bestens unterhalten. Das Buch ist gut recherchiert, was den historischen Hintergrund angeht, und überzeugt mit einer wohlformulierten, wunderbar leicht zu lesenden Sprache. Man bekommt Sehnsucht nach der Insel ... Einziges Manko: Es gibt kein Verzeichnis über die Lebensdaten der vielen Nebenfiguren. Sie sind zwar alle unverwechselbar, aber bei einigen hatte ich das Gefühl, sie würde ewig leben und nie altern. Und das schöne Foto auf dem Cover zeigt leider keine der Figuren der Geschichte. Das schmälert aber nicht das Lesevergnügen. Also am besten nicht auf die beiden Mädchen warten, einfach in die Geschichte abtauchen und genießen.

Fazit: eines der besten Bücher, das ich in letzter Zeit gelesen habe. Eindeutige Leseempfehlung und 5*****

Das Buch ist als Hardcover mit Schutzumschlag im List Verlag erschienen, hat 480 Seiten und kostet 18 Euro. Das E-Book ist für 14,99 € erhältlich. 




Donnerstag, 25. August 2016

"Mein ungebügeltes Leben" von Conny Schramm

Conny Schramm wächst in einem christlichen Elternhaus in der DDR auf. Bereits im Kindergarten wird ihr auf "spielerische" Weise die sozialistische Ideologie vermittelt. Konflikte sind vorprogrammiert, denn wie soll ein Kind verstehen, was richtig und was falsch ist, wenn in der Schule und in der christlichen Gemeinde bzw. Familie unterschiedliche Werte vermittelt werden? Auch die erste große Liebe der Autorin wird auf eine harte Probe gestellt, weil Conny und Henry zu wichtigen Fragen unterschiedliche Auffassungen haben. Da geht es sowohl um den Glauben, als auch um Republikflucht. 

Manches, was damals in der DDR ganz normal war, wirkt aus heutiger Sicht befremdlich.  Altstoffe sammeln, spenden für die Freilassung von Angela Davis, die Gebote der Jungpioniere, Jugendweihe, Zivilverteidigungslager ... das alles sind Stationen einer Kindheit und Jugend in der DDR, die auch mir noch deutlich in Erinnerung sind. Wie die Autorin hatte auch ich als heranwachsende Christin in diesem sozialistischen Staat Probleme damit, die unterschiedlichen Anschauungen unter einen Hut zu bekommen. Und auch Lehrer, die christliche Schüler drangsalierten oder benachteiligten, sind mir wohlbekannt. Das Buch hat beim Lesen immer wieder Erinnerungen an Situationen und Ereignisse geweckt, die ich sehr ähnlich wie Conny Schramm erlebt habe. Schön fand ich, dass die Autorin später einen dieser Lehrer wieder traf und es zu einer Aussöhnung kam. Die Wende hat wohl jeder von uns auf eigene, mehr oder weniger dramatische Weise erlebt. Man hatte damals und auch heute, rückblickend, das Gefühl, als hätten sich die Ereignisse förmlich überschlagen. So auch bei Conny, wo die große Weltpolitik und die Krankheit des Vaters gleichzeitig einen Höhepunkt erreichen. Das Buch endet mit der Beschreibung, wie die Autorin den "Begrüßunghunni" verwendet hat. Eine originelle Idee, die mir sehr gefallen hat. 

Die Geschichte wird in mehreren Kapiteln erzählt und umfasst die Zeit von der Geburt der Autorin im Jahr 1966 bis kurz nach dem Mauerfall 1989. Die Sprache ist relativ einfach, ähnlich wie in einem Tagebuch, und gut zu lesen. Einen direkten Bezug des Titels "Mein ungebügeltes Leben" zum Buch gibt es nicht. 

Das Buch ist zu empfehlen für alle Leser, die wissen wollen, wie es sich anfühlte, als Christ in der DDR aufzuwachsen. Und für alle, die Ähnliches erlebt haben, eine Lektüre, bei der sie des Öfteren von eigenen Erinnerungen eingeholt werden- 


Fazit: 4****

Das Büchlein ist im Brunnen Verlag erschienen, hat 112 Seiten und kostet 7,99 Euro. 


Montag, 15. August 2016

"Glitzer, Glamour, Wasserleiche" von Tatjana Kruse

Pauline Miller, vollbusige Operndiva mit liebenswerten Starallüren und einem niedlichen Boston Terrier, der allürenmäßig seinem Frauchen in nichts nachsteht. Das klingt nicht gerade nach mörderischem Krimi, eher nach einer lustigen Geschichte. Und so ist es auch. Die "Krimödie" von Tatjana Kruse kommt erfrischend anders daher als gewohnte Krimikost. Selbst die Leiche darf noch ein bisschen Eigenleben entwickeln ... 

Radames, so heißt der Boston Terrier, und sein Arien singendes Frauchen weilen in diesem Sommer am Bodensee, weil Pauline in Bregenz die Turandot singt. Trotz dieser herrlichen Kulisse kommt der Leser gar nicht in die Situation, sich in Ruhe an der wunderbaren Landschaft zu erfreuen. Eine schräge Situation jagt die andere. Pauline stolpert von einem Fettnäpfchen in die nächste Peinlichkeit, wobei sie stets Diva bleibt. Selbst im pinkfarbenen Jogginganzug auf einem Tretboot mitten auf dem See. (eine meiner Lieblings-Szenen). Ausgestattet mit einem Selbstbewusstsein, dass mindestens so voluminös ist, wie ihr Körper, schreckt Pauline weder vor zum Küssen schönen Männern, vermeintlich gefährlichen Hundeentführern oder gar einer Prügelei in der Sauna zurück.

Wer schwarzen Humor und ein wenig Klamauk liebt, wer ein bisschen Hund und ganz viel Herz im Krimi gern hat, dem sei dieses Buch wärmstens empfohlen. Bei all den spritzigen Ideen der Autorin behält die intelligent erzählte Geschichte trotzdem ihre Logik. Als locker-leichte Sommerlektüre eignet sich "Gitter, Glamour, Wasserleiche" ebenso, wie zum Träumen von nächsten Sommer an einem kühlen Herbst- oder Wintertag. 

Fazit: 5*****


Das Taschenbuch mit den abgerundeten Ecken ist im HAYMON Verlag erschienen, hat 256 Seiten und kostete 9,95 €. Das E-Book ist für 7,99 € erhältlich. 


Freitag, 12. August 2016

"Das Fetisch-Experiment" von Caroline Sieling und Victor Vosko

Am Anfang steht eine Schnapsidee: Als Victor erfährt, dass seine WG-Mitbewohnerin mit dem Verkauf ihrer getragenen Höschen viel Geld verdient, sieht er darin einen doppelten Ausweg aus seiner chronischen Geldknappheit: Sofort Bares und später ein Buch über das "Experiment" schreiben und verkaufen. Caroline, eine Freundin aus seiner work-and-travel-Zeit, ist schnell ebenso begeistert und sorgt als "Tina" für die nötige Authentizität der Höschen und Söckchen. 
Ein halbes Jahr lang fühlen sich die Beiden wie investigative Journalisten, mischen sie doch undercover die Fetischszene auf. Schnell stellen sie allerdings fest, dass es gar nicht so einfach ist, die sich selbst auferlegten Grenzen einzuhalten. 

Ich habe das Buch mit gemischten Gefühlen gelesen. Einerseits fand ich es faszinierend, unzensierte Einblicke in die Welt der Fetischisten zu bekommen. Da ist zum Beispiel der Bankberater, der unter seinem seriösen Anzug Damentangas trägt und sich in seiner Freizeit gern ins Gesicht pinkeln lässt. Klingt das lächerlich oder bemitleidenswert? Immerhin hat sich niemand ausgesucht, mit einem Natursektfetisch oder dem Drang, verschwitzte Füße abzulecken, durchs Leben zu gehen. Fetischisten geben viel Geld aus, um an das Objekt ihrer Begierde zu gelangen. Sind Caroline und Victor schlechte Menschen, weil sie vom Zwang ihrer Kunden profitieren und richtig gut leben können? Oder tun sie den Fetischisten Gutes, indem sie ihre Neigung befriedigen? Schwere Fragen, die sich wohl nicht eindeutig beantworten lassen. Zumindest widerspricht fast alles, was sich in der Fetischszene abspielt dem, was uns schon als Kindern beigebracht wurde. Vielleicht ist der Fetisch genau deshalb immer noch ein Tabuthema, das schnell in die Schmuddelecke geschoben wird. Und, ganz ehrlich, manche Anfragen, die Caroline a la Tina bekam, fand ich wirklich ekelig. Aber der Mann mit dem Putzfetisch könnte ruhig jeden Freitag bei mir vorbeikommen, das Haus putzen und mich dafür bezahlen.

Insgesamt liest sich das tagebuchartig aufgebaute Werk sehr gut. Man wächst mit Caroline und Victor in das Thema hinein, lernt Fetischisten auch als Menschen kennen, die eben nur ein wenig anders ticken. Ein wenig Hintergrundinformation liefern die Autoren auch. Beispielsweise zum Thema Fußfetisch und Natursektfetisch. Hier hätte ich mir noch mehr Fakten gewünscht. Wie hoch mag wohl der Anteil der verschiedenen Fetischisten an der Bevölkerung sein? Sind Fetischisten wirklich fast ausschließlich Männer? Das will mir nicht so ganz einleuchten. Vielleicht trauen sich die Frauen nur (noch) nicht? Und falls es doch stimmt, warum haben nur Männer einen Fetisch? 

Wie sehr sich Fetischisten und alle, die damit zu tun haben, verstecken müssen, zeigt die Tatsache, dass alle Namen im Buch geändert wurden, auch die der Autoren. Wir erfahren nicht einmal, in welcher Stadt das Experiment lief, und auch die Berufe und Hintergrundinformationen der Kunden wurden verfremdet. Carolines Freund, mit dem sie zusammenlebt, weiß bis zum Ende des Buches nichts von ihrem Doppelleben, ihre Freundinnen ebenfalls. Und eine traurige Erkenntnis am Rande: Die meisten Fetischisten leben ihre Neigung heimlich aus, ohne dass die Partnerin oder Ehefrau etwas davon weiß. Ein Leben lang Versteck spielen? Oder wird Fetischismus irgendwann ebenso akzeptiert werden wie Homo- oder Transsexualität? Outet sich demnächst ein Bürgermeister als "Gold-Duscher"? Wir werden sehen ... Meine Meinung zum Thema hat sich mit diesem Buch jedenfalls etwas verschoben: Soll jeder glücklich sein, wie er mag, so lange er anderen keinen Schaden zufügt. 

Der Einband des Buches ist etwas Besonderes. Er ist beschichtet und fühlt sich samtig-gummiartig an, was sehr gut zum Thema passt. Leider lässt sich aber der Kurztext auf dem Buchrücken kaum lesen, da die schwarze Schrift mit dem dunkelweinroten Untergrund zu verschmelzen scheint. 


Fazit: 4**** und Empfehlung für alle, die sich nicht scheuen, einen offenen Einblick in das Thema Fetischismus zu bekommen. 

Das Buch mit dem flexiblen Einband hat 180 Seiten, ist im überreuter Verlag erschienen und kostete 16,99 Euro. Das E-Book ist für 4,99 Euro erhältlich.